Im Kleinformat - Künstler der Galerie & Gäste
2.12.2019 - 25.1.2020

Peter Szalc - Malerei 2019
18.09. - 23.11.2019

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Die Retrospektive von Maler und Grafiker Peter Szalc beschert stichhaltige Kostproben aus drei Schaffensetappen: mit Bleistift- und Tuschzeichnungen, Gouachen aus den frühen Neunzigern, jenem Zeitraum wo der 1960 im polnischen Allenstein geborene Künstler Fuß fasst in seiner neuen rheinischen Heimat. Ungefähr zeitgleich anberaumt sind farbige, ebenfalls im Obergeschoss befindliche Gouachen. Chronologisch folgen die hier im Wolfgang Paul Saal platzierten farbigen sowie schwarz weißen, mit „analytisch abstrakt“ bezeichneten Tuschzeichnungen und Collagen, datiert auf 1998-2002. Hieran schließen sich vielfach großformatige, aus den letzten fünf Jahren stammende Acryl/Öl Gemälde und einige Buntstiftzeichnungen an.
Ein kurzer Streifzug durch die von Galeristin, Kunsthistorikerin Halina Szalc kuratierte, von Kontroversen und Zäsuren gezeichnete Werksynopse genügt, um etliche Eigenheiten von Peter Szalc heraus zu filtern. Augenfällig ist etwa ein kontinuierlicher Wechsel zwischen Figuration und Abstraktion, eine frappierende Bandbreite hinsichtlich Technik, Stil, Bildarchitektur, Motiv- und Themenwahl oder Bildaussage und Bildstimmung.
Peter Szalc ist ein von Verve, Phantasie, Experimentierdrang, Wagemut beseelter Einzelkämpfer. Seine Kompositions- Kriterien sind die poetisch sinnlich oder expressiv bis rebellisch ausgeschöpfte Ästhetik seines kontinuierlich aufgestockten Farbenreservoirs, die Auslotung von Schlüsselthemen wie Mensch, Gesellschaft, Politik, Ökologie, Technik, Milieu/Lebensraum sowie Natur und Kunstgeschichte.
Gefragt nach Vorbildern, Sympathieträgern nennt der Künstler: Georg Baselitz, Pablo Picasso, Gerhard Richter und primär den 1988 im Alter von 28 Jahren verstorbenen, afroamerikanischen Graffiti Meister Jean Michel Basquiat. Mit ihm teilt Peter Szalc eine Neigung zum Neoexpressionismus, zum Gestisch Unmittelbaren und Virulenten, zu kraftgeladenen, energiestrotzenden Bildentwürfen. Der sporadische Einsatz von Piktogrammen erinnert gleichermaßen an Basquiat.
Hier im Wolfgang Paul Saal begegnen wir eher strengen, klar und geradezu konstruktivistisch angelegten Zeichnungen und Collagen. Konzentration und Perfektion verraten haarfeine, akribisch und systematisch durchstrukturierte, ausschließlich auf handgezogenen Linien hervorgehende Gewebe. Diese lösen durch lineare Überlagerungen Farbenmixturen sowie den Eindruck von versponnener Dichte und Raumtiefe aus; eindimensionale Linienverläufe meißeln hingegen den Fokus Licht, Farbe und Raumweite heraus. Evoziert werden Assoziationen an Schnittmuster, strenge Ornamentik, konstruktivistische Versuchsanordnungen, an Muster, Grafikdesign, vielleicht sogar an Kirchenfenster und nicht zuletzt an das aktuelle Thema: Vernetzung, Netzwerk. Ganz anders vorausgehende Tuschzeichnungen (1990/92): engmaschige, zwischen Konvention und Improvisation pendelnde Entwürfe, deren dunkel abschattierte Dickichte menschliche Gestalten oder schroffe Berggipfel bergen. Wild aufgewiegelte Bleistift-Skizzen durchwalten frühe Stillleben und Landschaftsausschnitte; sie werfen wiederum ein neues Licht auf das breit gefächerte Potential des Zeichners. Dies untermauern überdies impressionistisch angehauchte Gouachen, Portrait- und Milieustudien die von malerischem Charme und stiller Sinnlichkeit zehren.
Aktuelle Bundstiftzeichnungen deuten markante Wende an; es dominiert eine eher lapidar saloppe, notizenhaft, Stenogramm ähnliche, lockere Motiv-Montage von etwa stark reduzierten Zitate aus Architektur (seelenlose Klötze), Natur (Kugelbaum Struktur), Technik (Oldtimer, E-Auto), aufgemischt durch Spuren, Umrisse, Abdrucke menschlicher Gegenwart.
Ähnliches tritt in den vergangenen Jahren entfesselten Gemälde zutage: es triumphieren kapriziöse, bisweilen dem Patchwork gleichende Bildcollagen, raffinierte Anknüpfungen an Comic Strip, Cartoon, Werbespot, Street und Pop Art, Graffiti, Plakatkunst, Art Brut; Marginalkunst wird gelegentlich ausgespielt kontra Museumskunst, die dann in kunsthistorischen Repliken oder Paraphrasen bildspezifisch und meist doppelbödig transponiert aufscheint.
Das Novum ist ein zeitkritischer, politischer Tenor, sichtbar in Auseinandersetzungen mit Motiven wie Macht, Gewalt, Kriminalität, Konsum, Stumpfsinn, Kommunikationsarmut, Banausentum, Verrohung, Selfie Syndrom, Umweltfrevel oder Naturagonie. Charakteristisch sind polyvalent unterfütterte Bildwelten wie etwa nachzuvollziehen in „Kreuzfahrt“: im zart blau getönten Meer paddelt im Schlauchboot fröhlich ein junges Urlauberpärchen; die keineswegs seetaugliche Plastikbarke speichert einen Link zu Flüchtlingsdramen, derweil ein im Hintergrund navigierender Frachter oder Tanker alchemistische Gaswolken verströmt, die naturgemäß das Zeitproblem Umweltverpestung auf den Plan rufen. Urlaubsidyll, Fluchttragödie und Verseuchung elementarer Lebensquellen verschmelzen in einem einzigen Bild.
Eine aus den Fugen geratene Welt, das Sodom und Gomorra unserer Tage (Protagonisten: Trump, der polnische Rechtspopulist Kaczynski) spiegeln cool zusammengeflickte Bildarchitekturen, eine insgesamt simplifizierte, grobschlächtige („Talking Heads“) Figuration, im Gegenzug: Kraftgeladene, vital strahlende Farben, aber auch kreischende, quietschende Farbdissonanzen, Synthesen von klassischem sowie freiem, gestischem Farbauftrag.
Der traditionell pittoreske Vanitas Topos der Gattung Stillleben erscheint subversiv umgepolt in die mokant poppige Heiterkeit von „Stillleben mit Bombe“ (2015, inspiriert durch den Pariser Terror Anschlag). Das Gemälde „Balance“ fokussiert in deutlicher Anlehnung an Picassos „Acrobate a la Boule“ eine auf einem Ball jonglierende Dame und einen im Bildvordergrund pausierenden Jongleur Adonis. Picassos Hintergrund bildet eine sandige Hügellandschaft, bevölkert mit weidendem Pferd, Frau, Kind und Hund. Peter Szalc hingegen münzt das Hintergrundidyll um in eine eine Magenta bis pink gefärbte kritzelige Zeichnung, über der eine Panzer Vignette in den leichenblassen Himmel ragt.
Aber es gibt auch die halbwegs amüsanten Zeitstudien, Alltagsballaden wie „Holliday In“ oder jene Milieugroteske („Marriage“), bürgerliche Mief Moräne, eheliche Wurmstichigkeit, verschlissene Zuneigung, verstummte Zuwendung mit Bravour auf den Punkt bringt.
Text: Christina zu Mecklenburg

Hommage an August Macke
Peter Kohl, Miroslaw Luma,
Thomas Metz, Armin Rohr, Peter Szalc
20.05. - 21.06.2019

Nur eine Zeichnung
18.02. - 8.04.2019

Max Fischer
Papierarbeiten
3.12. - 20.12.2018

Thomas Metz
Kairos
8.9. - 12.10.2018

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Vom 8. September bis 6. Oktober 2018 zeigt die Galerie Szalc in Bonn Werke des Malers Thomas Metz. Ausgestellt werden großformatige Leinwände und kleine Papierarbeiten in Öl und Mischtechniken aus den Jahren 2013 bis 2018.

Thomas Metz studierte Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig bei HP Zimmer. Seither hat er seine Bilder in Gruppen- und Einzelausstellungen unter anderem in Nordrhein-Westfalen, in Bayern und Niedersachsen gezeigt.

Der Mensch und sein Schicksal sind die Themen dieser Ausstellung. Der Maler wählt dramatische Momente aus, in denen sich der Verlauf eines Lebens entscheidet oder in denen die Tragik der menschlichen Existenz greifbar wird. Einige Figuren halten kurz inne, als würde ihnen diese Dimension gerade in diesem Moment bewusst.
Differenzierte Portraits oder Figuren und Personengruppen sind vor Bildräumen zu sehen, die durch geteilte und gegliederte Farbflächen gebildet werden. Jedes Bild ist damit auch eine Auseinandersetzung zwischen Figur und Fläche. Die Flächen sind nur wenig ausgearbeitet, zum Teil reiner Farbanstrich, der durch die sensiblen Töne mit den Figuren in Wechselwirkung tritt und zu vibrieren scheint: Die Bilder haben so eine Dringlichkeit, die den Betrachter gefangen nimmt.
Frauen und Männer, halb nackt oder ganz entblößt, irren durch verschachtelte Räume aus Farbwänden, Nischen, Ecken, Schieflagen, Falltüren und fenster-ähnlichen Öffnungen. Wie ein Regisseur komponiert der Maler eine Bühne, auf der sich das Drama seiner Protagonisten abspielt.

Die Bilder von Thomas Metz zeigen eine aus den Angeln gehobene Welt und das Abgründige der menschlichen Existenz. Vermeintliche Angebote von Zusammenhang und Orientierung werden im nächsten Moment in Frage gestellt oder bleiben grundsätzlich vage. Die Bilder verweigern Antwort und Sicherheit. Sie sind allenfalls verwunderter Ausruf, sie bleiben ihrerseits Frage nach der Realität, der Echtheit der Gefühle, nach dem Sinn.

„Starke Nachbarn“ –
Holger Bunk, Armin Rohr, Peter Szalc
25.05. – 26.06.2018

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Die Ausstellung Starke Nachbarn zeigt hauptsächlich figurative Zeichnung und Malerei der Künstler Holger Bunk, Armin Rohr und Peter Szalc. Es werden Arbeiten in Öl, Aquarell und Mischtechnik auf Papier und einige wenige Arbeiten auf Leinwand gezeigt.

Holger Bunk: geboren in Essen/ 1974-82 Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Alfonso Hüppi/ 1978 Meisterschüler bei Prof. Alfonso Hüppi/ Seit 1992 Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart/ Seit 1997 Kommissionsmitglied „Kunst am Bau“ der Oberfinanzdirektion Stuttgart.

Aktuell zeigt die Bielefelder Kunsthalle eine große Palette der Malerei von Holger Bunk in der Ausstellung „Ballermann“ bis zum 03.06.2018. In Starke Nachbarn präsentiert die Galerie Szalc Zeichnungen und Aquarellarbeiten im Kleinformat des international renommierten Künstlers. Holger Bunk ist ein Maler mit technischer Virtuosität und Ausdruckskraft. Er gehört zur Generation der in den fünfziger Jahren geborenen Künstler, welche die Kunst ihrer Lehrer, die sich auf ungegenständliche Formen und Stilelemente bezogen, weiterentwickelten, indem sie wieder auf die Ausdrucksmöglichkeiten gegenständlicher Motive zurückgriffen. Sie taten das nicht gegen, sondern im Rahmen der Entwicklung der modernen Kunst, in der die Haltung des konzeptuell denkenden und argumentierenden Künstlers nicht durch bestimmte Formen eingeschränkt werden sollte. Holger Bunk ist ein Pionier der neuen figurativen Malerei, die eine ganze Generation von jungen Künstlern prägte, unabhängig von der damaligen neuen Strömung der Neuen Wilden in der deutschen Kunstszene. Seit Beginn der achtziger Jahre entwickelt Bunk kontinuierlich sein Bildvokabular aus Architektur, Bühne und menschlicher Gestalt. Er stellt die Ver¬or¬tung des In¬di¬vi¬du¬ums aus dem per¬sön¬li¬chen und ge¬sell¬schaft¬li¬chen Umfeld ins Zen¬trum sei¬ner Ar¬beit. Bezeichnend für seine Malerei ist die schematisierte Figur, eingesetzt in vereinfachte urbane Umgebung. Holger Bunk ist ein Individualist, kritisch sich selbst und der Gesellschaft gegenüber. Er stellt die Frage: welche ist die Rolle der Menschen (und welche die seine) in der Gegenwart. Mit Augenzwinkern greift er bedeutungsschwere Themen auf, was die Bedeutung des Dargestellten nicht aberkennt.

Armin Rohr: in Hemsbach über Weinheim geboren/ Studierte von 1994 bis 1998 in Saarbrücken Freie Malerei an der Hochschule der Bildenden Künste Saar bei Prof. Bodo Baumgarten/ Seit 2003 Lehrbeauftragter an der Hochschule der Bildenden Künste Saarbrücken.
In der aktuellen Schaffensphase von Armin Rohr kehrt der Künstler nach einer abstrakten Periode zur Figur zurück. Zentrales Thema seiner Malerei ist jedoch seit Ende 2008 die Figur sowie der Mensch und sein Umfeld. Die Ausstellung Starke Nachbarn zeigt einige seiner neuen Arbeiten in Öl und Aquarell auf Papier. Es sind Bilder von Personengruppen, die in offene Räume oder in diverse Interieurs eingesetzt wurden. Die Darstellungen wirken wie Fotoaufnahmen mit „Schnappschusscharakter“, etwa von Menschen auf der Strasse, im Garten, im Wohnzimmer sowie Menschengruppen bei Ausflügen oder Familientreffen. Die Bilder stehen zwischen dem wirklichen Leben, der Erinnerung und dem Dokument. Das Alltagsleben der Mitmenschen scheint hier mal humorvoll, mal ernsthaft festgehalten zu sein. Die Farbintensivität der früheren Schaffensphasen tritt zurück. Verschwommene Gesichter und lavierte Figuren mit einigen Konturlinien und wenigen Details, das ist die neue Bildsprache des Malers.

Peter Szalc: in Allenstein/Polen geboren/ 1985 -1990 Studium der Malerei im Atelier des WDK Allenstein/Polen.
Für die Ausstellung ausgewählte Acrylbilder auf Leinwand und Zeichnungen auf Papier von Peter Szalc zeigen unkonventionelle figürliche Bilderwelten in schrillen Farben und mit perspektivischen Brüchen. In diesen Arbeiten dominieren frei erfundene Szenen des menschlichen Zusammenlebens, sowie Zitate aus der Kunstgeschichte. Menschen und bloße Köpfe losgelöst vom szenischen Kontext, scheinen auf der Bildfläche in der Schwebe gelassen zu sein und laden zu freien Gedankenspielen ein. Zeichenhafte Elemente ergänzen breite Pinselstriche aus dem figurativen und dem abstrakten Formenvokabular. Die flächige Bildkomposition wird durch Ornamentik und durch geometrische Raster unterstrichen. Die Farbpalette wird für Peter Szalc zum Experimentierfeld, das er in seinem Œuvre auslotet.
Assoziationen an Pop Art, Graffiti und Cartoon Literatur werden dabei hervorgerufen. Verzogene Perspektiven wechseln sich mit flächigen oder collagenartig aufgebauten Kompositionen ab. Expressiv und suggestiv erscheinen die in groben Pinselstrichen und feinen Kreidezeichnungen dargestellten Motive, die sich zu einem komplexen Informationsgemenge, analog der Informationsflut der heutigen Zeit, vermischen.

Antje Seemann
Atempause
3.3 - 8.4.2018

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Antje Seemann – formaler Reichtum über die Natur hinaus

Antje Seemann widmet sich seit 1989 dem Linolschnitt. Das homogene Plattenmaterial auf Gewebeträger entstand um die Jahrhundertwende als Fußbodenmaterial. Picasso experimentierte damit in den 1950ern. Im Kunstunterricht hat es weite Verbreitung als Vermittlung von Drucktechniken gefunden. Das neutrale Material hat keine Eigenstruktur, lässt sich schneiden, kerben und ritzen. Es bietet die Möglichkeit für durchgehend schwarze Flächen und vielerlei durch Bearbeitung hervorgerufene Substrukturen.Antje Seemann hat daraus ungewöhnlich große Arbeiten hergestellt.

Die Bildwelt Antje Seemanns scheint die klassischen Genres Porträt und Landschaft zu behandeln, aber man muss präzisieren, dass ihre Themen höchstens landschaftlich und figürlich sind. Oft ist der Horizont verbarrikadiert oder durch Aufsicht vermieden. Nicht immer ist Gesicht und Mimik erkennbar. Der Einstiegsentwurf beruht auf Fotocollagen, es geht aber nicht um eine abbildliche Wiedergabe einer zugrundeliegenden Fotovorlage aus eigener Hand. Auch in ihrer farbigen Malerei dominieren erfundene Landschaften, die mit der Farbe Atmosphären nachspüren, die die Künstlerin selbst erschaffen hat. Dieses Vorgehen hat bereits Caspar David Friedrich angewendet, der nicht in der Natur gemalt hat, sondern dort nur skizzierte, um dann als „eigene Erfindung“, wie er seine Werke ankündigte, im Atelier aus all diesen Seherfahrungen ein Bild von Natur zu komponieren. Dazu passt seine Aussage: „Der Maler soll nicht malen, was er vor sich sieht, sondern was er in sich sieht.“ Darüber hinaus thematisieren Bilder in ihrer Ausschnittwahl und Zusammenstellung das zeitgemäße Verhältnis des Menschen zur Natur, das kulturell im Wandel ist. Das Eingebettetsein des Menschen in die Natur ist zentrales Thema von Antje Seemanns Linolarbeiten der letzten 4 Jahre.

Im Zyklus der Begegnung ihrer Töchter mit Hühnern hat Antje Seemann durch die vorsichtige und versiert bergende Berührung der Hühner durch die Kinder einen Aspekt der Ehrfurcht und Würdigung thematisiert, der durch die Gegenüberstellung der Arbeiten formal gewinnt. Die L-förmige knieende Haltung einer Tochter hat etwas Statuarisches. Ähnlich vermittelt das Waten in flachem Seewasser etwas unmittelbares und die reine Freude am Umgang mit dem Element Wasser. Die Mädchen stehen mitten im Wasser, sind Teil der Natur. Beide Male wirkt Natur nicht wie eine distanzierte Kulisse, sondern wie ein Lebensraum. Weder Technik, noch Müll oder Zivilisatorisches lenken im Bildraum davon ab. Ohne Heile Welt zu idealisieren, dafür ist das Gefilde oft zu gewöhnlich, verweist das Bild auf Natur als etwas Bewahrens-, Erspürens- und Schätzenswertes. Eine Szene aus dem Arreal der Insel Hombroich konstruiert in ein verwunschen idyllisch erscheinendes Spalierdach aus Blättern mit Jugendstilflair eine Mehrzahl von Personen hinein, die dort geborgen und entspannt eine Atmosphäre des Spürens und der Intensität des in-der-Natur-Seins und der modernen Idee der Erholung vorleben. Eine Mischung aus Losgelöstheit und Innigkeit.

Antje Seemanns Linolschnitte sind Übertragungen in ein zweites Medium. Die dichten Oberflächenfarben der lichtwirkungsbestimmten Wirklichkeit übersetzt die Kamera bereits in pixelige Mischwerte aus drei Grundfarben und aus dieser Fotovorlage wiederum überträgt die Künstlerin in das Schwarz-Weiß eines homogenen Materials, dem Strukturen erst eingeprägt werden müssen, die im selben Bild gänzlich verschieden sein können. Hier gibt das Material nichts vor. Geht man ins Bilddetail, wird die besondere, erfindungsreiche Form der Umsetzung in Linoldruck sichtbar, der Schwarz und Weiß abbilden kann, aber für Grauwerte auf die Mitarbeit des Betrachters angewiesen ist, der eine dichte Rasterung in optischer Mischung als grauwertig erfährt, bzw. soweit suggestiv beeinflusst wird, dass er erkennt, das Graustufungen gemeint sind. Einige Partien und Figuren sind durch Konturlinien umfahren. Spalthafte Auslassungen können auch das Spiel des Lichts auf den Oberflächen in Weiß wiedergeben. Silhouetten bilden Figuren ab, ohne direkt Schatten zu meinen. Was hier schon als Abweichung von der Fotovorlage vereinfacht wird, bekommt in vielen anderen Details eine künstlerische Ausgestaltung in enorm phantasiereicher Vielfalt. Zahllose abstrakte Formerfindungen ohne Naturvorbild mischen sich in den oberflächlich natürlich erscheinenden Wiedererkennungsprozess. Blätter sind mit Schnittmusterbogenlinien, Punzierungen oder Schraffuren gefüllt. Mal kennzeichnen weiße Linien auf Schwarz wie Höhungen die Volumen. Mal sind Flächen schollenhaft oder als Raster gefüllt. Nie sind diese Binnenfüllungen offensichtlich technisch oder nur natürlich in ihrer Formgebung, sondern frei erfunden. Die Gesamtsuggestion von fotografierter Natur erweist sich im Detail als trügerisch und ungeheuer abstrakt.
Die Technik des Linoldrucks allein ist schon logisch, distanziert und von Planung und zeitraubender Ausführungsenergie geprägt. Da sind wenig Möglichkeiten gestischer Freiheit und hoher Geschwindigkeit. Das Bild wächst langsam. Im Umkehrschluss erweist sich dadurch auch, dass sich nicht alle Fotovorlagen eignen, so mit ihnen umzugehen. Aber sie können erfinderisch erweitert werden, wie etwa die nachträglich ergänzten Kleiderstoffe der Mädchen mit den Hühnern, die aus kompositorischen Erwägungen von der Originalvorlage abweichen.

Was wie glaubhafte Natur erscheint, ist in der Ausführung gemachte Kunst. Das Händische, der Pinselduktus, den man in der Malerei als künstlerisch akzeptiert, ist hier anders und versteckt genauso wirksam, nur viel kontrollierter und abwechslungsreicher in den Substrukturen.
Die Herangehensweise der Künstlerin, die sensibel, aufklärerisch, philosophisch, logisch, akurat daherkommt, trägt gleichwohl als Wahrnehmungsweise und Umsetzungsform etwas von der Persönlichkeit in die freie und vielfältige Ausführung der Werke hinein. Es geht nicht um Akkuratesse und penible Formwelt für sich. Nichts fällt als fremde oder klinische Form andererseits aus dem Bildganzen heraus.
Das Triptychon des Seerosenteichs nimmt nicht auf ein Gemälde von Monet Bezug, sondern auf ein Foto der Künstlerin im Park von Giverny. Die umstehenden Bäume erscheinen nur als Schatten im Wasserraum, der Teichgrund ist nicht wiedergegeben. Bestimmte Bauelemente der Teichoberfläche wiederholen sich und sind in einem nach hinten fluchtendes Kompositionsschema verteilt, das sich von der Vorlage freimacht. In der Hell-Dunkel- Verteilung und im Streumuster der Wellen und Pflanzen muss das Ganze und jedes einzelne Bild für sich harmonieren. Auch das beeinflusst in der Entwurfsphase und in der Ausführungsphase die Gestaltung. Und gestaltet sind die Arbeiten bis ins Detail. Sie sind nicht abgekupfert oder kopiert, sondern voller spielerischer, abstrakter Erfindungen, etwa in den Darstellungsformen für Regen, Wellen, Licht oder Blätter. Im Falle der Haare, die im Bild dreier wie abgestuft arrangierten Personen vom Wind zerzaust erscheinen, trifft als realistisch motiviertes Formspiel ungebändigte Linearität auf grafische Raffinesse.
Eine Sensibilität und Wachheit im Blick auf die Natur wird von der Künstlerin durchdacht vorgearbeitet und angeboten, die etwas Besinnliches in sich trägt. Besinnung ist hier, im Sinne des Ausstellungstitel „Atempause“, nicht als hektisches Sauerstofffassen eines Marathonläufers oder angestrengtes Luftanhalten, sondern als Konzentration, als Ausstieg aus dem Wechsel von Ein- und Ausatmen begriffen, als Zeit des sich Einlassens. Das bieten die lohnenden Werke.

Dirk Tölke

Eröffnung der Ausstellung „Atempause“ von Antje Seemann
in der Galerie Szalc in Bonn am 3.3. 2018

Peter Szalc
Power to the Idiots
18.11 - 30.12.2017

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Peter Szalc ist ein Künstlerphänomen, ein veritabler Ausnahmekünstler und Einzelkämpfer. Mit Biss und Kompromisslosigkeit vertieft er sich in Themen, die ihm unter den Nägeln brennen, entwickelt einen experimentellen Drive aus dem souveräne, bildmächtige Kompositionen hervorgehen. Der immer wieder andere, sich permanent neu erfindende, leidenschaftliche Maler und Zeichner Peter Szalc widmet sich nun aktuell dem patzig, provokativ formulierten, von frecher, entwaffnender Direktheit begleiteten Motto: „Power to the Idiots“, „Idioten an der/die Macht“, „Die Macht gehört den Idioten“.

Kolorierte Zeichnungen bestreiten die Ouvertüre. Man registriert Hausfronten, Lebensräume, die vielfach wie Käfige, Gefängnisse, morsche, monotone, abgeriegelte Architekturblöcke anmuten, mittendrin eine tiefgrübelnde Menschengestalt, eine menschenähnliche Bleistiftfigur mit flehentlich erhobenen Armen, zur Flucht abhebenden Flügeln. Des Weiteren: verzerrte, wie von Panzerglas eingekeilte Physiognomien.

Wie leben wir, welcherlei Prioritäten, Verhaltensmuster prägen den Alltag, welcher Natur ist das menschliche, mitmenschliche Lebensklima unserer scheinbar progressiven Gesellschaft? , solcherlei Fragen gehen diese chiffrierten Skizzen nach.
Es dominiert eine Art von Sodom und Gomorra Ambiente in diesen Vorstudien, die bereits wie Sprachrohre von menschlicher Isolation, Abschottung, des In-sich-Gefangenseins anmuten. In der großformatigen, den kraftgeladenen Farbenduktus der Gemälde aufgreifenden Zeichnung „Virtual Mixture“ gewahrt man ein bausteinähnlich konstruiertes Mischgewirk aus augenscheinlichen Wirklichkeitszitaten und Gebilden von Wunsch, Fantasie oder gar Begierde. Die zeichnerischen Partituren avisieren insgesamt die Szalcsche Version eines zeitnahen „Narrenschiff“. Unter die Schlüsselmotive rangieren Kronen, Narrenkappen, Podeste, Tribünen und Teppiche, deren schräg abdriftender Streifenverlauf entfernt an Strandlaken erinnert.
„Alles ist verrückt“, so die Bilanz von Peter Szalc.
Wie etwa Pablo Picasso, Hieronymus Bosch, Francis Goya oder der vom Künstler geschätzte, afroamerikanische Graffitikünstler Jean Michel Basquiat (1960 – 1988) geht es darum, durch die aufrüttelnde Heraufbeschwörungen von Zeitkrankheiten und Zeitschrecknissen Alarm zu schlagen, zumindest mental zu mobilisieren.

Der fatale Komplott zwischen Machtausübung, Willkür und Schizophrenie manifestiert sich auf der Politbühne, etwa im bedrohlichen, von halbseidenen Zusicherungen flankierten Rechtspopulismus, wo das Heimatland Polen allein zum Katalysator, zum Aggregat europaweiter Tendenzen mutiert. Parallel schüren gesellschaftsintern neuzeitliche Phänomene wie Elektronik, Technik, Digitalisierung, Online-Konsum Symptome oder Epidemien wie: Wirklichkeitsverlust, Stumpf-Sinn, Desensibilisierung, Kommunikationsdefizite, die Verkümmerung von Wahrnehmung gemeinhin und im Grunde pathologische Musterfälle des Autismus.

Der aus den Angeln gehobene Erdenwelt entspricht eine aus dem Lot geratene teils diffuse, wilde, virulente (partiell: Übermalungen, Korrekturen) detailreiche, gelegentlich zweidimensionale, locker verfugte, teils scheinbar liederlich zusammengeflickte Bildwelt und eine weitgehend schematisierte, prototypische Menschengesellschaft.
Der sonst so versiert beschlagene, differenziert komponierende Zeichner Peter Szalc bedient sich gezielt einer geradezu linkischen, dilettantischen, antiakademischen oder umrisshaft simplifizierenden, an Höhlenzeichnungen oder Art Brut gemahnenden Figurenzeichnung. Sprechblasen, Texteinschübe, Slogans, Phrasen, („We love you“, das „I like“-Syndrom) Cookies und Parolen, Werbespots schlagen den Bogen zu Comic, Cartoon und Graffitikunst. Diese verkümmerte Welt erstrahlt gleichwohl in einem knackigen, lichtdurchströmten, die Sinne alarmierendem Kolorit, vielleicht auch Spiegelbild eines „verlorenen Paradieses“ genannt Erde. Andererseits lauern auch hier verschlagene Spiele mit der Popart, Neoexpressionismus. Schreiende, pralle, glühende, blendende, aufgeputschte, aufpeitschende Farben, knallharte, scharfe Farbkontraste spiegeln gleichermaßen den offensiven Sound von Empörung, Revolte, Attacke, Rage und Skepsis, Kritik wieder.
Gleichzeitig in Kraft treten weiche, nachgiebige, geschmeidige, warme, durchsichtige und gedimmte, fast poetische Farbennuancen.
Wie eine Aureole, ein Glas- oder Dunstglocke hüllen sie bisweilen Menschengestalten ein, die voneinander keinerlei Notiz nehmen. Das ad absurdum geführte Paradebeispiel für eine medial autistische Kokonwelt liefert das Gemälde „Can you hear me?“. Es triumphieren dauerhaft mit Plastikstummeln verrammelte Ohren, ein Plural an Apparaturen, selbstvergessene Fixierungen von Minidisplays und damit Selfie-Syndrom, Narzissmus, Egozentrik, sowie die Paradoxie, dass genau der Einsatz von Kommunikationsmedien jegliche Kommunikation vereitelt.

Auf ähnlicher Linie verläuft ein polarisierendes Doppelgemälde, wo der Paarlauf von Ignoranz, Indolenz gegenüber der Außenwelt und das Primat der Bildschirm-Absorbierung auf den Punkt gebracht werden. Naheliegend ist auch der Vergleich zur Optik von Zeitungsblättern wo ergreifende Berichterstattungen kollidieren mit banalen Werbespots. Während die obere Partie die desolate Notlage eines schwer verwundeten, buchstäblich zerfließenden (Aquarell) Flüchtlings anreißt, lobpreist die gleichgeschaltete, den Bereich Konsum repräsentierende Unterpartie ein Schuh-Sonderangebot nebst selbstverloren dreinblickendem, realistisch präsenten Schuhträgermodell. Mustermix, Montage, Überblendung, Verkabelung, das Multi Task Phänomen, Parallelwelten, schockierende Paradoxien, Verlust von Maßstäben und Relationen gemeinhin werden hier formalästhetisch aufgebrüht und erhitzt.
Einen ähnlich gelagerten Fall umschreibt die alptraumatische Bildsituation von „Help“ wo ein, von dräuenden Schatten verfolgtes, angstbedrängtes Kind dramatisch nach Hilfe schreit, eingebuchtet in eine monoton reglose Siedlung. Eingeblendet in die untere Bildpartie ist eine separate Szene, die ein von Bombenanschlägen gezeichnetes Opfer vor Augen führt.

Schlaglöcher, Blockaden, Barrieren, Falltüren, Fußangeln und Fallstricke, Schieflagen, Gleichgewichtsstörungen, Konflikte, Divergenzen, Diskrepanzen, Dilemma, das Absurde, Abstruse und Abgründige säumen den Weg zur gleichermaßen alarmierenden Politgeschehen, wobei, wie bereits erwähnt die Sezierung polnischer Missstände allein als Metapher, Inbegriff globaler Miseren und Debakel fungiert. Das Flair von Farce oder der bittere Beigeschmack von Satire wohnen der Komposition „The Trinker“ inne, wo der polnische Rechtspopulist in die Gestalt eines Gockels schlüpft. Die kontrapunktisch ins Bild integrierte Denkerskulptur Rodins offenbart sich als evidentes, geradezu Trauer und Verzweiflung verkörperndes Denk- und Mahnmal, als ein starker Appell an Nachdenklichkeit, Hinterfragung und Opposition gegenüber folgenreichem Schwach- und Irrsinn. (...)

"Power to the Idiots", Teil 2 setzt sich fort in der Groteske, Farce einer Siegerehrungsszene: der mit der „Goldenen Medaille“ Gekürte glänzt durch Kopflosigkeit; Rang 2 und 3 besetzen nicht minder überzeugende oder geisteserhellte „Helden“.
Titelfrei ist ein Gemäldewurf, der auf smaragd-petrol leuchtendem Grund allein einen Fußball und einen einzige Fußpartie mit blau lackierten Fußnägeln belichtet. Die beiden Metaphern suggerieren das, ebenfalls von Macht und Wahnsinn regierte Milliardengeschäft Fußball. Zulässig mag genauso die Auslegung sein, dass allein Füße und eben nicht schlaue Köpfe, also kopflose Aktionen das Geschehen des Globus beherrschen.

Text: Christina zu Mecklenburg,
Bonn, November 2017

 

Gaby Kutz
Kanzler Unser
2.9. - 28.9.2017

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Gaby Kutz - „ Kanzler Unser“
1. September 2017
Eröffnungsrede Maf Räderscheidt

DIE MALEREI IST TOT
rufen die Einen
DIE MALEREI LEBT
beweisen die Gemälde von Gaby Kutz
.... und was Sie hier vor, hinter, neben sich sehen, ist mehr als die bloße Beweisführung
mehr als Lust an der reinen Malerei zu dekorativem oder lieblichem Wandschmuck.

Es ist Kunst!
... die spricht, erinnert, irritiert, dokumentiert. Und Fragen stellt an die persönlichen Erinnerungen des Betrachters. Wir sehen einen großen Wurf aus genauer Beobachtung, Handwerk und Engagement, gepaart mit eigenwilligem Mut und der Stärke des genauen Hinsehens.

Dabei fing alles ganz akademisch an, in Düsseldorf, beim Studium der Malerei Bei Professor Michael Buthe, (wobei ich hier einschieben muss, dass Buthe alles andere war als ein akademisch artiger Professor und ich ihm unterstelle, dass er durch seine Leidenschaft zu Neuem, so wie auch in seiner einzigartigen Eigenständigkeit, vielleicht schon Gaby Kutz ein wenig Chuzpe mit auf den Weg gegeben hat)
Auf alle Fälle verließ sie die Akademie nicht nur mit malerischem Fachwissen, sondern auch mit einer für Künstler fast untypischen kollegialen Freundlichkeit im Lebensgepäck.

Mir waren zunächst ihre fast stereotypen Familienbilder aufgefallen. Über ihrer Abbildung der Gruppe heraus, schienen sie Fragen zu stellen, nach Aufbegehren, Geborgenheit oder längst vergangenen Erinnerungen. Ihre Protagonisten schienen manchmal frech und frei auf den traditionellen Plätzen geradezu an ihrem vorbestimmten Sockel zu wackeln.
Ganz schlicht, kamen sie daher, auf Packpapier blickten sie mich durch Transparenz aus verschiedenen Aquarell-Farbschichten an und entwickelten die Sogkraft zu jeder einzelnen persönlichen Sichtweise. Sie entwickelten Beziehungen nicht nur rückwirkend, sondern auch aus dem Bild heraus, in die eigene Geschichte des Erinnerers.
Die nächste große Werkgruppe, der ich begegnete, trat auf größerem Format auf und zeigte politische Motive, die tief betroffen machten. Beispielsweise das Porträt des Rupert Neudeck, der Vorreiter der heutigen Flüchtlingsretter, der die so genannten Boatpeople sicher an Land brachte, selbst für deren Versorgung kämpfte und nie müde wurde, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen.
Ich selbst habe mich damals in Troisdorf mit um die Kinder dieser Boatpeople kümmern dürfen, und als ich später das Gemälde von Gaby sah, habe ich in den Gesichtszügen, in zarten ockergelbtönen gehalten, den Kampf, die Entschlossenheit bis hin zur Erschöpfung über die Gewissenlosigkeit vieler Verantwortlicher wiedergefunden.
Gaby Kutz aber ist keine, die sich ausruht, schon gar nicht auf Bewunderung. Im Gegenteil beginnt sie mehr und mehr einzutauchen, sich einzumalen in ihr Thema.
Ihre und damit unser aller politische Zeitgeschichte. Nicht platte Kritik, Wutbürgertum, Unzufriedenheit oder Spott führten ihre Hände dabei, sondern der Mut, das Ringen um Demokratie und Freiheit, dass die Charaktere auch in ihren schweren Stunden zu dokumentierten. So siegt in manchen Bildern die Hoffnung in den Gesichtern, an andere erinnern wir uns selbst fast anerkennend, dann wieder folgt ihr Pinsel Augenblicken von Peinlichkeit, Entsetzen. aber immer wieder siegt was nur der gekonnte Einsatz eines Pinsel vermag: Gefühl !
Zunächst beginnt Gaby mit malerischer Technik eine Arbeit, die auf dem Können von Erfahrung fußt. Mit Eitempera (das ist eine Technik, bei der Ei mit destilliertem Wasser und wenig gebleichtem Leinöl als Emulsion zum Binder feingemahlener Pigmente wird) erreicht sie außergewöhnliche lasierende Konsistenzen,
Ja, sie baut ihre Modelle regelrecht auf, erschafft deren Züge, Haltung und eigenwillige Präsenz. Jetzt erst, setzt sie die Ölfarbe ein. Sie höht Lichtreflexe. Vertieft die Schatten, konturiert Nischen. So mischen sich auf der Leinwand Schattierungen in fast ornamentaler Bereitschaft zur Ehrlichkeit, zur Aufrichtigkeit, aufgetragen zur möglichst geradlinigen Dokumentation. Ein ganzes Kaleidoskop an Reflexen öffnet den Einblick, Mit konzentrierter Sorgfalt erwachsen so Fragmente kompositorischer Werte, wie sie für Gabys Schaffen typisch sind.
Das allein ist jedoch nicht das Ziel ihrer Malerei. Eher beschenkt Sie uns mit unserer eigenen Zeitgeschichte, verbindet uns mit Vergangenheit unmittelbar in die Zukunft hinein durch den Einsatz ihrer gewählten Vertreter unserer Politik für Demokratie und Freiheit. Der Betrachter kann sich plötzlich an Ereignisse erinnern, Gefühle aufrufen, die sie damals ausgelöst haben. Kritisch, schmunzelnd oder atemlos. Ein konzentrierter Blick in dieser Ausstellung wird zum persönlichen Erlebnis des Einzelnen, gleichgültig wie prominent die Protagonisten sein mögen, die Gaby Kutz Modell standen.
"Kanzler unser!" - ein Glaubensbekenntnis? Gebetsartig vorgetragene Verzweiflung? Wahlaufruf? oder dokumentarische Absicht, Stoff zur Diskussion bei einem Glas Wein?
"Kanzler unser" erbricht das Klischee, das wir uns selbst auferlegen, wenn wir durch einen Lichtfleck, eine Wölbung am Augenlid, eine Stirnfalte weniger oder einen Augen Schatten gleichsam in Frage stellen , was wir schon gewusst haben und beantwortet dachten. Wir sehen in den Arbeiten von Gaby Kutz nicht den Versuch schmeichelhafter Portraits, viel eher Widersprüchlichkeiten, Zweifel oder Irritationen. Aus dem Dokument heraus gerissen wirken Politiker menschlicher, verletzlich inmitten ihrer Ämter und Protokolle. Große Denker scheinen einsam geworden, machen mitdenken

Das Vernebeln im Zigarettenrauch der Diskutanten auf einem der Bilder berührt. In den versteckten Nischen eines von Müdigkeit beschwerten Augenlides. Darunter die Pupillen im Dunkeln, auf der kleinen Schädelbühne von Weltpolitik umnebelt.
Plötzlich werden Gefühle preisgegeben oder auch nur vorgeschlagen aus den Tiefen des Sehens einer Malerin. Eine Meisterleistung im Hinsehen, Hineinfühlen, Übersetzen. Und doch bleibt Ihnen, als Betrachter, unbenommen Ihre eigenen Geschichten zu erinnern, sie aufzuspüren, weil Kutz so unbekümmert damit umzugehen vermag.

Der Raum beginnt sich mit Freiheit und aller Distanz mit der Lust am debattieren und erzählen zu füllen, beginnt zu vibrieren. Ich vermute, auch Sie werden sich später über Bilder der Malerin unterhalten möchten, nachdem sie diese in Ruhe betrachtet haben, daher fasse ich mich kurz!

Denn wenn in dem Atelier am Bad Münstereifeler Entenmarkt die Farben trocknen, die große Schwester der Temperamalerei, die Ölfarbe sich tief in die Gründe der Malerei hineintrocknet, ganz wie früher bei den Altvorderen, dann schließt sich am Abend die Tür, Heute für sie wieder geöffnet, ihre Schätze preisgebend, damit Sie alle , wir Alle, höflichst aufgefordert sind, den Glauben an die von uns gewählten Führungskräfte auf politischer oder intellektueller Ebene mit satirischer Herausforderung an unsere eigene Naivität aufzuspüren und zu beobachten. Es ist möglich, ohne Häme oder Hasskommentare der Malerei von Gaby Kutz vertrauend, den Weg des genauen Hinsehens einzuschlagen und hier und heute und morgen zu verharren und zu schauen....genau hin zu sehen....

 

Die Gedanken sind rund
Künstler der Galerie
8.4. - 20.5.2017

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Pressetext:

In der Gruppenausstellung Die Gedanken sind rund, die vom 8. April bis 20. Mai 2017 in der GALERIE SZALC gezeigt wird, werden Arbeiten der Künstler der Galerie: Holger Bunk, Wolfgang Hambrecht, Peter Kohl, Cornelia Konrads, Gaby Kutz, Miroslaw Luma, Armin Rohr, Antje Seemann, Peter Szalc präsentiert.

Die Gedanken sind rund . Die Gedanken kreisen um bestimmte, aktuelle Themen die die teilnehmende Künstler derzeit beschäftigen. Augenfällig ist die Auseinandersetzung mit der Politik in Europa und Amerika sowie die Bedrohung von rechts in größeren Formaten in Mischtechnik auf Leinwand von Peter Kohl und Peter Szalc. Von Holger Bunk wird die Arbeit Mauer mit ihrer vieldeutigen Anspielung auf Ausgrenzung und Abschottung gezeigt sowie andere Aquarelle mit Szenerien vorgegebener Konstruktionen und isolierten, viel beschäftigten Menschen, die sich in ihrem existenziellen und oft sinnlosen Ringen befinden. Wolfgang Hambrecht stellt seine bis zu einem einzigen braunen Fleck auf weißer Leinwand reduzierte Malerei aus, die dem Betrachter eine Fülle an Deutungen offen lässt.
Auch Gaby Kutz liefert politische Themen. Allerdings holt sie ihre Bilder aus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Ihre hier gezeigten zwei Aquarelle in schwarz – weiß gehören zu dem Zyklus Widerstand - Folgen politischer Entscheidungen in der BRD. Schwarz-weiß sind auch die Linolschnitte von Antje Seemann. Die Gedanken der Künstlerin kreisen um den Menschen. Bei den ausgestellten Grafiken Mädchen mit Hühnern handelt sich um Jugendliche die zwecks einer Entschleunigung des Alltags mit der Natur in Verbindung gebracht werden. Soziale Themen beschäftigen auch den Saarländischen Künstler Armin Rohr. In seinen aktuellen Zeichnungen in verschiedenen Techniken in Kleinformat zeigt er neben Darstellungen von Jugendlichen auf einer Bank im Park sitzend Skizzen einer mannigfaltigen, heiteren Gesellschaft.
Mensch und Natur, der Kampf um Werden und Vergehen und deren gegenseitige Abhängigkeit werden in den kleinen GriGri Objekten von Cornelia Konrads thematisiert. In den ausgestellten Arbeiten wird der scheinbar allmächtige Mensch von der Natur, die ihn ernährt, bezwungen. Auch die Gouache auf Papier von Miroslaw Luma aus der Serie Landschaften zeigt die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Vielfalt der Natur. Durch die rätselhafte Form einer Krone im Bild wird hingegen im Kontext der Ausstellung die Macht- und Größenbesessenheit von Menschen suggeriert.

Die Eröffnung der Ausstellung findet am Freitag, 7.04.2017, 19 Uhr statt.

Während der Art Cologne 2017, langer Donnerstag am 27. April 2017 bei Wein und Musik 19 - 22.00 Uhr

 

Miroslaw Luma
There is no Room for Flowers
3.3. - 4.4.2017

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Miroslaw Luma - „There is no Room for Flowers“
2. März 2017
Eröffnungsrede Halina Szalc M.A.

In der neuen Publikation des Museum Mazowieckie im polnischen Plock zur aktuell laufenden Ausstellung von Miroslaw Luma „Wo ist der Platz für einen Garten?“ zitiert Frau Dr. Magdalena Boffito den deutschen Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin, der Anfang des XX Jh. in Dream Kitsch: a Short Consideration of Surrealists, die Ausbreitung von Kitsch fürchtete.
„No one dreams any longer of the Blue Flower“. „No longer does the dream reveal a blue horizon. The dream has gone gray…Dreams are now a shortcut to banality.“

Boffito schreibt weiter, ich zitiere: Kunststoff - Ware ….und Künstlichkeit sind heute zum täglichen Brot geworden. Es ist so selbstverständlich wie die gewürfelten, eingefrorenen, reinlich und farbenfroh eingepackten Möhren. Während auf der Verpackung meistens die Aufschrift zu sehen ist, dass das Foto ein Serviervorschlag sei und nicht das Aussehen des Produkts wiederspiegeln würde. Wir geben uns mit Vorgefertigtem und Ersatz zufrieden. Das Bild und das Produkt werden auf unberechenbare und unvorhersehbare Weise getrennt, gleichzeitig verlieren wir die Sicherheit. Wie können wir funktionieren, buchstäblich abgetrennt von den Wurzeln? Gibt es da noch jemanden, der von der Blauen Blume träumt?

Die Blaue Blume gilt als ein wichtiges Symbol der Romantik. Natürlich ist die Malerei Lumas keineswegs der Malerei der Romantik ähnlich. Anzunehmen ist, dass es all die Titel sind, die seine Kunst umschreiben und zu diesem Gedanken geführt haben. Pejzaz (Landschaft) nennt der Künstler seine Bilder seit 2011, also seit Beginn dieser neuen Periode. „Wo ist der Platz für einen Garten“? Das ist - wie gesagt der Ausstellungstitel im Museum Mazowieckie in Plock. Gleichzeitig, unbewusst, (also ohne den Text von Frau Dr. Boffito vorher gelesen zu haben) habe ich den Titel zu der/ unserer Ausstellung „There is no Room for Flowers“ gewählt.

Die Blaue Blume steht stellvertretend für die romantische Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, Unendlichen sowie Unbedingten, wobei sie außerdem oftmals als Verbindung von Mensch und Natur gedeutet wird. Darüber hinaus entwickelte sich die Blaue Blume zu einem Symbol der Wanderschaft, was ebenso charakteristisch für die Epoche der Romantik ist. Dieses Motiv lässt sich auf eine altdeutsche Sage zurückführen, die erzählt, dass man des Nachts die blaue Wunderblume finden könnte und dadurch reich belohnt würde. Folglich steht diese Wunderblume für eine Sache, die schwierig zu erreichen ist, aber von vielen ersehnt wird.

Steckt in diesen Ausstellungstiteln womöglich eine Anspielung auf die aussichtslose Suche nach der Wunderblume? Ist es nicht so, dass alles einen eigenen, vorgegebenen Weg geht und jede Anstrengung zum Widerstand sinnlos ist? Alles von der Wissenschaft erklärt und von der Industrie einverleibt wird? Gibt es da noch einen Platz für einen Wanderer, der nach der Blauen Blume sucht?
Miroslaw Luma ist als Künstler zwangsläufig ein Wanderer. Ein Wanderer zwischen dem Leben mit seiner Kunst und dem Leben da draußen. Auch die Verbindung zwischen Mensch und Natur ist in seiner Malerei nachvollziehbar. Luma nennt seine Bilder Landschaften. Er malt ein Stück Natur, das er durch sein Atelierfenster sieht. Aus seinem Fenster sieht er in seinen Garten hinaus.
Lumas eigentlicher Garten ist sein Atelier, der mit den Ausstellungstiteln ebenfalls in Frage gestellt wird. Zurückgezogen in die vier Wände seines Ateliers kämpft er um seinen Platz in der Gesellschaft und versucht seinen Beitrag für sie zu leisten. Er kämpft mit den künstlerischen Mitteln und malt seine Landschaften. Er schaut nach vorn, zeigt neue Wege. Die Bilder wirken geheimnisvoll und werden kaum verstanden. Liegt es möglicherweise daran, dass seine Bildtitel täuschen ? Das dürfte nicht nur der Grund für die falsche Rezeption sein.
Täuschungen sind alltäglich, ja unser tägliches Brot. Die chemisch vorgefertigte Spargelsuppe und das eingeschweißte, gewürfelte Gemüse werden ja auch gern gekauft.

Fernab einer realistischen, romantisch angehauchten Landschaftsdarstellung wird der Betrachter hier mit einem winzigen Ausschnitt der Landschaft, einem Gebilde, ja mit einer einzigen Form konfrontiert. Die Form wird abstrahiert und in den Arbeiten nach 2016 scheint sie völlig abstrakt zu werden. So kann man sich die Bilder als zerstückelte, pasteurisierte oder eingefrorene Landschaft vorstellen, ähnlich zum eingepackten Gemüse, ganz aktuell. In dieser Ausstellung ist die Form jedoch noch deutlich zu erkennen. Der Betrachter rezipiert was er aus eigener Erfahrung kennt. Man denkt hier an die Formen wie: Herz, Hörner, Krone. Die Menschen lieben Symbole, heute mehr denn je. Die neuen Kommunikationsmedien mit smileys und cliparts katapultieren uns in eine Welt der Hieroglyphenschrift zurück?

Miroslaw Luma, denkt nicht an Symbole, er malt was er durch sein Atelierfenster sieht. Farbe, Bewegung, Tiefe, Transparenz oder das Gegenteil: Verdichtung, das sind Aspekte, die den Künstler schon immer interessiert haben. Es wurde schon in seiner Malerei bis 2011, am Motiv des Kopfes deutlich und auch in den Bildern aus der Reihe Pejzaz nach 2011.

Der Titel: „There is no Room for Flowers“ bedeutet nicht nur, dass die Rückkehr zur Romantik nicht mehr möglich ist, - damit meine ich natürlich nicht die Kunst. In der Kunst ist alles möglich - sondern ich glaube, dass die vermeintliche, ersehnte Rückkehr in die frühere Zeit gefährlich sein könnte. In Polen pflegt man zu sagen: „Wer nach hinten schaut, wird von Hunden gefressen“. Also lassen wir die Welt ihren Weg weiter gehen. Immerhin haben wir ja noch viele Freiheiten zu wählen, in dem wir über unser eigenes Leben (nicht zu 100% aber immerhin) entscheiden können. Auch heute noch kann man Möhren als lose Wahre, also ohne Verpackung, kaufen. Würden wir wirklich mit allen Konsequenzen einen Schritt in welches Zeitalter auch immer zurück machen wollen? Ist die Blaue Blume nicht nur eine Sage, eine Utopie, ein Produkt unserer Träume?
„There is no Room for Flowers“ soll auch daran erinnern, dass Künstler wie Miroslaw Luma, die seit 20 Jahren und länger arbeiten, oft nicht verstanden werden. Dass sie sich einen Platz in der Gesellschaft immer wieder sichern und hart erkämpfen müssen, anstatt in ihr aufzublühen. Die Tatsache, dass Kunst ein wichtiger Faktor in einer freien und aufgeklärten Gesellschaft ist, wird nur einem kleinen Kreis innerhalb der Gesellschaft (ich möchte nicht das Wort Elite nehmen, weil so viele verschiedene Eliten herangewachsen sind) vorbehalten.
Meine Damen und Herren ich freue mich über Ihr Interesse an der Kunst von Miroslaw Luma und möchte Sie einladen diesen kleinen Ausschnitt seiner Kunst zu genießen.

 

Kreisel, Würfel & (G)äste
Holger Bunk, Anthony DiPaola, Cornelia Konrads, Gaby Kutz, Sarah Ludes, Miroslaw Luma, Antje Seemann, Zsuzsi Ràkosfalvy, Peter Szalc, Armin Rohr
7.11. - 17.12.2016

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Pressetext

Unter dem Titel „KREISEL, WÜRFEL & (G)ÄSTE“ präsentiert die  Galerie Szalc in Bonn vom 7.11. bis 17.12.2016 kleine Arbeiten und Arbeiten auf Papier von den der Künstlern der Galerie und von zwei Gastkünstlern: dem Amerikaner und Wahlbonner Anthony DiPaola und der in Düsseldorf studierenden jungen Künstlerin Sarah Ludes. Zu sehen sind Arbeiten in Aquarell und in Mischtechnik auf Papier von Anthony DiPaola, Holger Bunk, Miroslaw Luma, Gaby Kutz, Zsuzsi Rákosfalvy, Armin Rohr, kleine Formate auf Leinwand von Sarah Ludes, Fotos von den eigenen in- situ Installationen auf Alu Dibond von Cornelia Konrads, Tuschezeichnungen aus den Jahren 1999 – 2001 von Peter Szalc, sowie Grafiken von Antje Seemann.

Dreißig Arbeiten von den insgesamt zehn ausgewählten Künstlern werden in einer breiten Auswahl gezeigt. Die Arbeiten auf Papier aus den abstrakten Perioden von Miroslaw Luma (Titelbild), Armin Rohr und Peter Szalc treffen auf figurative Darstellungen in Aquarell von Holger Bunk, Gaby Kutz und Zsuzsi Rákosfalvy. Die Arbeiten der Schülerin von Prof. Siegfried Anzinger Sarah Ludes in Mischtechnik auf Leinwand sind ebenfalls figurativ. Die Äste in den Grafiken von Antje Seemann und den Fotos von Cornelia Konrads dagegen haben eine Wechselwirkung und lassen den Betrachter zwischen dem Gegenstand des Astes und der Abstraktion schweben. Die Papierarbeiten des Konzeptkünstlers Anthony DiPaola bestehen aus Bild und Schrift.

DieEröffnung der Ausstellung findet in der GALERIE SZALC am Sonntag den 6.11. 2016, 15.00 bis 19.00 Uhr statt.

 

Antje Seemann,Zsuzsi Ràkosfalvy, Peter Szalc
Speare Space
Bonn
28.08. - 17.09.2016
Fabrik 45
1.09 - 17.09.2016

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Pressetext

In der Gruppenausstellung Speare Space, die in der GALERIE SZALC vom 28.8. bis 17.9.2016 und parallel in der Fabrik 45 vom 1.9. bis 17.9.2016 stattfindet, werden Arbeiten der Künstler der Galerie präsentiert: Antje Seeamnn, Zsuzsi Rákosfalvy und Peter Szalc. Im Kontrast zu der figurativen Kunst in leuchtenden Farben auf Leinwand von Peter Szalc stehen karge, schwarz-weiße Landschaften in Linolschnitt von Antje Seemann und sparsame Zeichnungen in Mischtechnik von Zsuzsi Rákosfalvy.

Spare Space zeigt eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen: Gewalt, Flucht, politische und soziale Unkorrektheit, Unsicherheit, Einsamkeit, Leere, aber auch Erlebnisse eines Menschen in seiner Umwelt, wie Bspw. in den „Tagebüchern“ von Zsuzsi Rákosfalvy. Mit drei völlig unterschiedlichen Ansätzen, in verschiedenen Techniken thematisieren die Künstler die Suche nach einer neuen Existenz mit den daraus resultierenden Problemen. Antje Seemann zeigt bereits bekannte sowie auch neue schwarz-weiße Druckgraphiken aus der Serie „Inszenierte Landschaften“, die sie als Linolschnitt in graphischer Präzision und Virtuosität ausführt. Kahle Waldstücke mit undurchdringlichem Gestrüpp, Baumstämme und blattlose Äste, die in den Himmel ragen. Menschenleere, kalte Räume und schneebedeckte Landstriche, die niemandem zu gehören scheinen. Räume, die kaum zum Leben, allemal jedoch zum Nachdenken einladen

Die Themen zum Nachdenken liefern die damit gegenübergestellten Werke von Peter Szalc. Seine figurative Malerei besticht in Zeiten von Terror und Flucht mit politischen Themen. Die scharfe Kritik des deutsch – polnischen Künstlers an der Haltung der Christen ist nicht zu übersehen, wie z.B. im Bild „Dem polnischen Volk“. Gleichzeitig zu sehen ist jedoch die Bedrohung durch die Fundamentalisten im Bild „Hass“ und die Besorgnis um die Gefahren für Europa werden in „Stillleben mit Bombe“ und dem Titelbild der Ausstellung „Balance“ deutlich. Dabei bedient sich der Künstler mancher Zitate aus der Kunstgeschichte, die er geschickt in seine Kompositionen mit einfließen lässt.

Zsuzsi Rákosfalvys figurative Zeichnungen in Mischtechnik auf Papier, als „Tagebücher“ betitelt , sollen nicht nur als Eindrücke einer Künstlerin gelesen werden, sondern als Erlebnisse eines Individuums in seiner Umgebung, die bevölkert ist von Menschen, Dingen Begierden, Hoffnungen, Erwartungen, Verzweiflung und Glück - vorgefunden in der Wahlheimat. 1995 schrieb Zsuzsi Rákosfalvy fünf Kurzgeschichten, die unter dem Titel „Geschichten für Halberwachsene“ 2009 herausgegeben wurden. Diese philosophischen Fabeln, die von Migration, Arbeitslosigkeit und Freundschaft handeln, werden am Samstag den 17.9.2016 um 17 Uhr in der Fabrik 45 in Bonn vorgelesen. Der Erlös von den verkauften Büchern kommt einer Organisation zugute, die Deutschunterricht für Flüchtlinge anbietet.

Am 10.9. im Rahmen der SAISONSTART BONN 2016 findet während der Ausstellung in der Fabrik45 eine Reihe von Veranstaltungen statt. Von 14 bis 16 Uhr eine Führung durch die Ausstellung, mit anschließendem Künstlergespräch. Von 16 bis 19 Uhr wird ein abwechslungsreiches musikalisches Programm angeboten.

 

Peter Szalc
Heilig's Blechle
16.04. - 31.05.2016

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Peter Szalc: Heilig‘s Blechle
Ausstellungseröffnung: 15. April 2016, Miriam Stauder M.A.,
Kunsthistorikerin

Neon-Gelb, leuchtendes Pink, knalliges Orange, poppiges Blau… Das sind die ersten Eindrücke, die die Bilder von Peter Szalc beim Betrachter hinterlassen: knallige und leuchtende Farben. Farben, die in unterschiedlicher Art und Weise auf die Leinwand aufgetragen sind. Farben die als abstrakte Farbflächen fungieren, und Farben, die Gegenstände darstellen. Farben, die sich immer wieder wiederholen, auch innerhalb einer ganzen Bilderserie, die aber nie zwangsweise an den Gegenstand, den sie beschreiben, gebunden sind. Die Farbe in Peter Szalc Bildern entfaltet ein Eigenleben und dient dem Künstler als Experimentierfeld, in dem er mit innovativen Mitteln neue Wege in der Malerei untersucht. Ermöglicht durch die Farbindustrie nutz er innovative Farbzusammensetzungen, die leuchtend grelle Farben hervorbringen, und gleichzeitig auch die Aktualität der Werke ausmachen.
Farben werden kombiniert mit Schrift-Versatzstücken und zeichnerischen Elementen. So werden Assoziationen an Pop Art, Graffiti-Kunst oder Comic hervorgerufen. Durch die Gegensätze von Farbflächen, realistischen Zeichnungen und linearen Skizzen entsteht eine Spannung, die das Betrachter-Auge von einem Bildelement zum nächsten führt. Collagenartig setzen sich die einzelnen Versatzstücke wieder zusammen und ergeben auf diese Weise eine harmonische, ausgewogene Einheit.

Noch bevor es um die dargestellten Objekte, Themen und Sujets geht, interessiert sich der Künstler für den Mal-Akt selbst. Die Acryl-Farbe wird mal deckend, mal lasierend und durchscheinend auf die Leinwand aufgetragen, grobe Pinselstriche wechseln sich ab mit feinen Kreidezeichnungen, Muster werden miteinander kombiniert, schwarz-weiß Zeichnungen stehen neben plakativ und stark vereinfachten Formen. Immer geht es um die Spannung, die sich auf der Oberfläche entwickelt. Und als solche wird die Leinwand auch behandelt. Als eine zweidimensionale Oberfläche, auf der sich alles abspielt.

Dies erinnert stark an ein Zitat von Maurice Denis, Mitglied der Künstlergruppe Nabis, die 1888 in Paris entstand, mit dem Ziel, dem Akademismus den Rücken zu kehren und die Kunst zu erneuern. 1890 sagte der damals 20 jährige: „Es sollte bedacht werden, dass ein Bild, bevor es ein Schlachtpferd, eine nackte Frau oder irgendeine Anekdote ist, im Wesentlichen eine gewöhnliche Fläche ist, überzogen mit in bestimmter Weise angeordneten Farben".

Ein Bild ist also nichts anderes, als eine Fläche, die mit Farbe bedeckt wird. Betrachten wir die Bilder von Peter Szalc, sehen wir diese Aussage bestätigt. Es handelt sich bei seiner Kunst in keinem Fall um ein virtuelles Fenster, um Illusionismus oder um klassische Regeln. Stark vereinfacht und teilweise abstrahiert, zeigt uns der Künstler pointiert seine Welt, oder vielmehr seinen Blick auf die Welt. Die Themen, die ihn beschäftigen, ob politisch oder sozial, aber auch persönliche Erlebnisse, wie der Brand im Nachbarhaus, der im Winter 2015 ein dramatisches Ende nahm, werden künstlerisch verarbeitet.

Das Persönliche hält vor allem durch die immer wieder auftauchenden Selbstportraits Einzug in seine Bilder. So zeigt der Künstler sich beispielsweise - auch selbstkritisch - auf „Holiday in“ im Urlaub unter Palmen mit seiner Frau im Arm oder er ist als junger Mann mit Sonnenbrille zu sehen.
Er projiziert sich jedoch auch in anderer Form in seine Bilder hinein. Auf den stürzenden Ikarus montiert er seinen Kopf und verleiht auch dem hl. Christophorus seine eigenen Züge.
Mit diesen teils (selbst-)ironischen Enthüllungen präsentiert sich der Künstler als Teil der Gesellschaft, die er in seinen Bildern mitunter auch stark kritisiert.

Was er anprangert ist die Kluft zwischen Arm und Reich, die Machtverhältnisse, die zu Ungleichheiten führen, großstädtische Isolation, Vereinsamung und Anonymität sowie den Konsumwahn der westlichen Gesellschaft.

Unter dem Ausstellungs-Titel „Heilig’s Blechle“ werden nun aktuellste Arbeiten von Peter Szalc vereint. „Heilig‘s Blechle“ – ursprünglich eine schwäbische Redewendung zum Ausdruck des Erstaunens. Sie bekommt im zeitgenössischen Sprachgebrauch jedoch eine neue Konnotation, wird sie doch scherzhaft auch für „Auto“ verwendet. Das Auto als heiliges Blech. Damit steht es stellvertretend für das, was uns wichtig ist. Was für uns Objekte der Begierde, Statussymbole oder Projektionsflächen sind. In den Bildern von Peter Szalc tauchen diese Dinge in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder auf: Autos, I-Pods, Urlaub in warmen Ländern unter Palmen und auch der Körperkult werden thematisiert. Gleichzeitig tauchen ab und an Uhren auf. Uhren, die neben ihrem Dasein als Statussymbol auch auf das Ticken der Zeit und damit auf die Vergänglichkeit verweisen.

Dass der vermeintliche Luxus auch ausarten kann und zur Dekadenz verkommt, manifestiert sich auf einigen Bildern im Drogen-Konsum. Einer entspannt im Bett liegenden Frau wird ein überdimensionaler Joint gereicht. An anderer Stelle sehen wir die Silhouette eines Mannes, der direkt aus der Flasche trinkt. Mal mehr, mal weniger deutlich wird gezeigt, dass Luxus nicht in jedem Fall glücklich macht und sinnstiftend ist. - Oder führen vielleicht nicht vielmehr Armut und unbefriedigte Begierden dazu, die eigene Frustration und Unzulänglichkeit mit Suchtmitteln zu betäuben?

Denn diese Objekte des Begehrens wecken ihrerseits auch wieder das Begehren, bei denjenigen, die auf der anderen Seite stehen. Ausgehungerte, farbige Kinder strecken ihre dünnen Arme aus, um die unerreichbaren Dinge zu ergreifen, die sich vor ihnen wie Fata Morganas auftun. Ihre Hände greifen ins Leere. Der europäische Lebensstil bleibt Ihnen versperrt. Was diesen „European Way of Life“ ausmacht, zeigt uns der Künstler im gleichnamigen Bild in knalligen Farben: neben dem heiligen Blech, dem Auto, sehen wir eine wohlproportionierte Frau in Unterwäsche - vielleicht ein Modell, das idealisierte Schönheit suggeriert oder eine Dame, die bilderbuchhaft ihren Tee und die Zeit genießt, ohne sich Sorgen um die Zukunft machen zu müssen, einen Hund, der Zeitvertreib für die Reichen und Schönen sein kann, oder als Wachhund für ihre Besitztümer dient und wir sehen eine Banker, der ohne individualisierte Gesichtszüge seine Ziele mit einem Dartpfeil fixiert. Betrachten wir das Bild genauer, wird jedoch sichtbar, dass diese scheinbare Idylle auch bedroht ist. Das Gitter vor dem die junge Frau sitzt, erinnert an ein Gefängnis, es ist beengend und verstellt den Blick nach außen. Der Hund bekommt plötzlich etwas Aggressives. Seine angespannte Haltung lässt darauf schließen, dass er durchaus willens ist, in die nächste Wade zu beißen und der Dartpfeil des Bankers lässt erahnen, wie unerbittlich der Kampf um Macht und Geld sein kann.

Ganz offensichtlich wird hingegen das Thema der äußeren Bedrohung in „Stillleben mit Bombe“ behandelt. Entstanden unter dem Eindruck der Ereignisse in Paris thematisiert Peter Szalc mit diesem Bild die Auswirkungen des Terrors, die sich in unseren Alltag ausgebreitet haben. Hier hat sich eine hochexplosive Zerstörungswaffe eingeschlichen, die durch ihre Farbigkeit auf dem ersten Blick jedoch nicht sofort erkennbar ist. Im scheinbar Alltäglichen und Banalen - zwischen Blumentopf und Vase - lauert Tod und Verderben und führt uns vor Augen, dass wir nirgends und vor nichts mehr sicher sind.

Und diese Unsicherheit lässt uns stürzen. Und wie immer ist der Künstler mitten drin. Er stürzt als beflügelter Ikarus vorbei an einem brennenden Haus einem Auto hinterher in die Tiefe. Ist er wie die Figur aus der griechischen Mythologie der Sonne zu nah gekommen? Es geht um den Aufstieg und Fall des „European Way of Live“, nichts ist von Dauer und alles kann sich in sein Gegenteil verwandeln.

Wie ein Gegenmittel mutet das Bild „All you need“ an, das Sie wahrscheinlich bereits vom Plakat und der Einladung her kennen. Was wir brauchen ist Liebe. Diese Anspielung auf John Lennons Lied „All you need is love“ soll keine Hommage an den Musiker sein, sondern vielmehr soll die Botschaft, die bereits 1967 in die Welt hinausgesungen wurde erneuert und aktualisiert werden. Eine Blumendarreichende Hand wird einer Steinschleuder entgegengestellt. Dass der Weg der Liebe kein einfacher ist, wird dadurch klar, aber allein die Bildkomposition bietet bereits Möglichkeiten der Bewältigung an: durch die Ausschnitthaftigkeit wird Spontaneität suggeriert, durch das Collagenartige bekommt das Bild etwas Flexibles. Eigenschaften mit denen neue Lebenswege leichter beschritten werden können.

Neue Wege beschreitet Peter Szalc in seinen hier ausgestellten Bildern auch mit Zitaten aus der Kunstgeschichte, die er geschickt in seine Kompositionen mit einfließen lässt. Damit rückt er gleichzeitig auch das eigene Bekenntnis zum Künstlertum in den Fokus. Beim genauen Hinschauen erkennt man Motive aus dem berühmten „Frühstück im Grünen“ von Éduard Manet, das 1863 für einen Skandal sorgte. Als Versatzstücke tauchen die Manetschen Figuren auf unterschiedlichen Bildern auf, teilweise auch mit einem Augenzwinkern verfremdet.

Ich kann Sie jetzt nur ganz herzlich dazu einladen, in die farbenfrohen Bilder von Peter Szalc einzutauchen und vielleicht entdecken Sie beim näheren Betrachten ja auch das ein oder andere kunsthistorische Zitat.

© Miriam Stauder M.A., Kunsthistorikerin Alle Rechte vorbehalten.
Jede weiter Verwendung oder Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Autorin.

 

Look At Me
Holger Bunk (D/NL), Wolfgang Hambrecht (D), Peter Kohl (A), Cornelia Konrads (D), Miroslaw Luma (PL), Antje Seemann (D)
27.02. - 26.03.2016

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Look at Me
Holger Bunk (D/NL), Wolfgang Hambrecht (D), Peter Kohl (A), Cornelia Konrads (D), Miroslaw Luma (PL), Antje Seemann (D)

Pressetext:

Unter dem Titel „Look at Me“ präsentiert die Galerie Szalc in Bonn vom 27.02. bis 26.03.2016 ausgewählte Werke der Künstler der Galerie. Zu sehen sind Arbeiten in Mischtechnik auf Leinwand von Wolfgang Hambrecht, Aquarelle von Holger Bunk, Zeichnungen von Peter Kohl, Objekte von Cornelia Konrads, Malerei auf Papier von Miroslaw Luma sowie Grafiken von Antje Seemann. Die gezeigten Arbeiten unterscheiden wich sowohl in der Technik wie auch in der Darstellung. Das Bild kann einen gesellschafts-politischen, einen ich-haften, oder emotionalen Hintergrund haben. Aber auch philosophische Aspekte, die Zeit und stetigen Wandel anschaulich machen, sind aufzufinden – frei nach dem Ausspruch von Heraklit von Ephesus: “Nichts ist so beständig wie der Wandel”. Das Motiv zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich, um im nächsten Augenblick eine zeitliche, mentale und natur- oder kulturbezogene Verschiebung zu suggerieren.

Holger Bunk´s Bildvokabular besteht aus einer Bühne mit architektonischen Elementen und männlichen Figuren, die den Blick des Betrachters auf ihre Tätigkeiten lenken. Doch hinter der Kulisse tun sich Fragen nach der Wirklichkeit dieser Handlungen auf.
Die Portraits der koreanischen Mädchen in Öl auf Leinwand von Wolfgang Hambrecht weisen eine gewisse Anonymität auf. Das Bildnis, extrem selten im Werk des Künstlers, verrät wenig über seine Intentionen - ähnlich wie in Hambrechts räumlichen Bildwelten. Das Subjekt wird nicht näher definiert. Spannend ist dabei die Transparenz der Bilder, einem Screenbild ähnlich. Nicht das Motiv wird zum Gegenstand, sondern dessen Abbildung. In der Tat dienen Fotos dem Künstler als Vorlage für seine Malerei.
In Peter Kohls Zeichnungen werden Traumwesen und kuriose Gestalten ganzfigürlich porträtiert. Die Wandlung der Figuren wird evoziert durch bestehende Tabus, gesellschaftliche Konventionen und kleinbürgerliche, spießige Verhältnisse, die er in seinen Bildern anprangert. Auch der übertriebene Schönheitswahn mit all seinen Auswüchsen und seiner Künstlichkeit ist Thema seiner Kunst.
Miroslaw Luma malte in den Jahren 2002 bis 2011 immer wieder sein eigenes Portrait in Mischtechnik auf Papier. Das Abbild dieses einzigen Models variiert jedoch stark in den verschiedenen Ausführungen. Der abstrahierende Duktus verweist auf die Undurchführbarkeit einer wirklichkeitsgetreuen Abbildung, sowie auf die Flüchtigkeit des Dargestellten. Der Betrachter wird verführt, nicht das äußere, sondern vielmehr das innere Portrait in all seinen Wandlungen zu erahnen.

Die kleinen Objekte aus gefundenen, natürlichen oder künstlichen Materialien, genannt „Grigris“ von Cornelia Konrads sind kuriose kleine Geschöpfe, die sich durch die Einflüsse der Umwelt in Transformation befinden. Es sind Gebilde in denen der Mensch immateriell wird - eine flüchtige Form oder ein Zwischenstadium einer Metamorphose. Baumwipfeln und kahle Äste, die in den Himmel ragen, laden in den schwarz-weißen Linolschnitt-Grafiken von Antje Seemann zum genauen Hinsehen ein. Es scheint ein willkürliches Stück Natur zu sein, das Menschen gerne betrachten. „Natürlich auch Zeugnis des Lebens, der Vielfalt des Daseins wie der Vergänglichkeit. Doch andererseits sind es Bilder, die es so in der Natur nicht gibt“ (Zit. nach Dr. H. M. Schmidt). Antje Seemann kreiert Bildmontage aus neu zusammengefügten Versatzstücken, die die Künstlerin selbst als „Inszenierte Landschaften“ betitelt. Ein künstlerischer Eingriff, der verblüffend die Sinne täuscht, dabei jedoch eine Umbildung der Natur bleibt.

 

Armin Rohr
In sanfteren Gefilden
Bonn
21.11. - 21.12.2015
Denkraum Siegburg
21.11. - 01.12.2015

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Armin Rohr: "In sanfteren Gefilden"

Eröffnung 20.11.2015 mit Künstlergespräch.

Pressetext

Die jüngsten Werke von Armin Rohr zeichnen sich vor allem durch eine Verknüpfung von komplexen Wandinstallationen, bestehend aus Wandmalereien, Bildern und Zeichnungen, und autonomen Ölgemälden, Zeichnungen und Monotypien aus. In der Doppel-Ausstellung werden hauptsächlich Werke in Mischtechnik auf traditionellen Medien wie Papier oder Leinwand sowie einige wenige Werke auf Aluminium gezeigt.

In den einzelnen Arbeiten wechseln sich runde, organische Formen mit graphischen Strukturen ab. Auf zumeist weißem Hintergrund erzeugt das Zusammenspiel von amorphen, abstrakten Körpern, Flächen, Punkten und Linien die Illusion von Räumlichkeit. Sie bilden einen eigenen Wirkungsraum von Figuren und Strukturen. In den meist sehr farbintensiven Arrangements kombiniert Armin Rohr organisch wuchernde Formen, Überbleibsel und Chiffren von Figürlichkeit und abstrakte Farbflächen zu einem assoziationsreichen, aber fremdartigen Kosmos, zwischen Ekstase und Untergang.

Die offenen Kompositionen lenken den Blick des Betrachters über die Bildfläche hinaus. Die lebendig wirkenden, kreisenden Formen und zeichnerischen Elemente befinden sich in stetiger Bewegung und scheinen die Bildfläche, beziehungsweise den Raum, zu verlassen. Die Bewegung ist eins der wichtigsten Aspekte in Rohr´s Arbeiten. Die Unruhe der Werke wird von einer gewissen Spannung begleitet, die entweder den Eindruck von Dynamik vermittelt, oder Kälte und Starre suggeriert.

Die Komplexität des Werkes von Armin Rohr äußert sich nicht nur in der Fülle der Techniken, sondern auch im differenzierten und vielseitigen Spektrum der Formen, der kompositorischen Findigkeit und der frischen, unkonventionellen Art und Weise mit Farbe, Form und Raum umzugehen.

 

Peter Kohl
pissed off
Bonn
29.08.- 2.10.2015
Denkraum Siegburg
29.08. – 16.09.2015

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Peter Kohl: Pissed off Ausstellungseröffnung: 28. August 2015, Galerie Szalc

„Kopyshopkopierschwein“, „Zimmertopfkasper“, „Kulturfolterkammerdomina“. Die teils dadaistisch anmutenden Bildtitel des österreichischen Künstlers Peter Kohl machen neugierig. Neugierig auf den Künstler, der mit Worten wie mit Farben jongliert. Neugierig auf die bildnerische Umsetzung dieser fast zungenbrecherischen Wortkreationen.

Mit einem rebellischen Unterton, aber auch mit jeder Menge Witz und Ironie erschafft Peter Kohl sein eigenes Universum, das von grotesken, teils märchen- oder alptraumhaften, teils aggressiven, verstümmelten Figuren, Phantasie- und Mischwesen bevölkert wird. Ein Universum in dem Peter Kohl seine eigene Umwelt reflektiert, konterkariert, bloß- und in Frage stellt. Eine Parallelwelt, in der es auch und vor allem um den menschlichen Abgrund, die Schattenseiten des Lebens geht. Diese Bilder haben nichts Glattes und Gefälliges. Sie zeigen vielmehr die schmutzigen Wahrheiten, die sich hinter den Masken und Fassaden verstecken.

Leicht bekleidet und zumeist in schonungsloser Frontalität offenbaren sich die „naked nurse“ oder das „redhairartplasticbaby“ dem Betrachter und zeigen - wie auch die männlichen Figuren - offen ihre Geschlechtsteile. Diese Zurschaustellung der Sexualität erinnert stark an Egon Schiele, ebenfalls Österreicher, den Peter Kohl selbst auch als Inspirationsquelle anführt. Schiele wandte sich um 1900 von der akademisch-traditionellen Körperdarstellung ab, um seine Modelle, und sich selbst, oft verkrampft oder deformiert und vor allem immer wieder in anzüglichen Posen darzustellen. Die Seherfahrungen des heutigen Kunstbetrachters sind bereits bis an die Schmerzgrenze ausgereizt, dennoch büßen Kohls Frauen, die anstelle von Armen nur pralle Busen in die Luft strecken und die erigierten Glieder der Männer nichts an ihrer provokanten und aggressiven Intention ein.

Diese Grundstimmung zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk von Peter Kohl: Peitsche schwingende, bärtige Männer. Mit roten dornenartigen Spitzen versehene Brüste. Skelettartige Wesen. Verzerrte, verschmierte Gesichter, die teils fratzenhaft und oft skurril oder grotesk wirken. Und Titel wie: „Ich sitz auf einem riesen großen Haufen Scheiße und träum davon, dass du darunter liegst“.

Provokation wird also nicht nur durch die Darstellung erreicht, sondern auch durch die Titel. Allein schon durch den Ausstellungstitel: pissed off. Genervt und angekotzt ist Kohl von den bestehenden Tabus, den gesellschaftlichen Konventionen, den kleinbürgerlichen und spießigen Verhältnissen, die er in seinen Bildern anprangert und provokant herausfordert. Auch der übertriebene Schönheitswahn mit all seinen Auswüchsen und seiner Künstlichkeit ist Thema seiner Kunst. Oder die Kirche. In Bildern wie „Pfaffentriologie“ wird sie beispielsweise als Lügentempel bezeichnet und die verbotene und unterdrückte Sexualität, die den skeletthaften Pfaffen wortwörtlich im Kopf sitzt, wird sichtbar gemacht.

Peter Kohls Malerei ist aber auch ein Aufbegehren gegen die klassische, akademische Malerei, womit er sich in eine lange Tradition von Künstlern einreiht, die seit dem vorletzten Jahrhundert ihren eigenen individuellen und sehr persönlichen Weg gehen.

Peter Kohl, in Klagenfurt geboren, lebt und arbeitet heute in der ländlichen Abgeschiedenheit in Kärnten. Während seiner Ausbildung am Institut für Kunst und Philosophie in Kärnten setzte er sich intensiv mit der Portrait- und Landschaftsmalerei auseinander. Doch bereits mit Ende des Studiums begab er sich auf den Weg in die gegenstandsfreie Malerei. Durch das Fehlen von sinnkonstituierenden Gegenständen konzentriert sich der Künstler zunehmend auf die Farben und Formen, ihr Zusammenspiel und ihre Wechselwirkungen. Die Ästhetik wurde immer wichtiger für den Künstler, der sich in der Folge immer mehr mit der Wahrnehmung, der Objektivität und der Wirklichkeit befasste. Seine künstlerische Entwicklung bewegte sich dann von der gegenstandsfreien Malerei hin zur abstrahierten Gegenständlichkeit. Zu einer Malerei also, die sich zwar auf wiedererkennbare und identifizierbare Gegenstände stützt, diese jedoch teilweise stark reduziert und abstrahiert.

Auf der Suche nach seiner eigenen künstlerischen Sprache setzt er sich mit großen Künstlern auseinander, die ihn nachhaltig inspirieren. Anleihen finden sich nicht nur bei dem eingangs bereits erwähnten Egon Schiele in der Fokussierung auf die Körperlichkeit und die Geschlechtlichkeit. Das Rebellische und Zerstörerisch-aggressive erinnern an Francis Bacon, der seinen Figuren förmlich wehtut, indem er sie deformiert und auflöst. Eine weitere Inspirationsquelle ist der US-amerikanische Maler Cy Twombly, der zu den wichtigsten Vertretern des abstrakten Expressionismus zählt. Sein Einfluss auf Peter Kohl wird sichtbar in der Behandlung der Leinwand mit dem leichten Strich der Zeichnung. Die Liste ließe sich noch erweitern, beispielsweise um Jean-Michel Basquiat, den amerikanischen Graffiti-Künstler, der seine Bilder in Schichten aufbaute und sie mit sogenannten „facts“, Buchstaben, Wörtern, Logos, Zahlen, etc., spickte. Gemeinsam ist diesen Künstlern, Kohl eingeschlossen, der Wille zur Provokation. Künstlerische Rebellen, die mit dem Pinsel oder dem Stift, ihren eigenen, ganz persönlichen Kampf gegen jegliche Konventionen führen.

Die Weltsicht von Peter Kohl spielt sich ähnlich wie bei Basquiat auf mehreren Ebenen ab. Oft von den Bildrändern angeschnitten und stark koloriert, erscheinen die Figuren im Vordergrund, mit kräftigen dunklen Strichen konturiert. In ihrer Ästhetik erinnern sie vage an Kinderzeichnungen oder an Verewigungen auf den Wänden öffentlicher Toiletten. Kritzeleien, die scheinbar mit leichter schneller Hand, unbewusst und spontan auf den Malgrund geworfen sind und Ausdruck der Expressivität des Künstlers sind. Dieses Skizzenhafte und Spontane entpuppt sich bei näherem Betrachten jedoch als etwas sehr Erwachsenes und Durchkomponiertes. Wohl überlegte freie Flächen wechseln sich ab mit den durch ihre Farbigkeit oft sehr präsenten Figuren. Mal plakativ, mal weich gemalt stehen sie im starken Kontrast zu den zarten Umrisszeichnungen, die oft auf der zweiten Ebene hinter den Figuren erscheinen und wie ein Kommentar im Hintergrund wirken. Die Bilder sind so angelegt, dass der Anschein erweckt wird, sie könnten über den Bildrand hinausgehen. Und in der Tat kommt es immer wieder vor, dass der Künstler sich von den Bildrändern nicht ein- und beschränken lässt und Wandflächen oder z. Bsp. auch Katalogseiten über die eigentlichen Bilder hinaus mit gestaltet.

Als weitere Kompositionselemente werden auffällige Signaturen und Datierungen ebenso wie die Bildtitel von Peter Kohl gekonnt in die Bilder einfügt. So ergeben sich spannungsvolle Gefüge aus farbkräftiger Malerei, zeichnerischen Elementen und geschriebenen Worten. Neben der Malerei ist auch die Lyrik eine willkommene Ausdrucksmöglichkeit für den Künstler. Seine Gedichte arbeitet er teilweise in seine Werke mit ein. Sie können jedoch auch als Vorarbeit für ein Bild dienen.

Als Beispiel möchte ich an dieser Stelle gerne das Gedicht „Maskenball“ von Peter Kohl vorlesen, das als Vorarbeit für „Sticky fingers“ entstanden ist und hier in unmittelbarer Nähe zum Gemälde hängt.

Maskenball

Das Zweigesicht
steht an der Säule
moralgetränkt
und im Federkleid versteckt
Der lange Schnabel hält den Abstand
Virtuose Flügelschläge
verlieren sich im langen Blick
auf die Innenschau
Im Außen glänzt das Elsterauge
Der Schein soll
Für alle sein
Und die Wahrheit
Bleibt im Elsternest
versteckt.

Ich möchte hier keine tiefgreifende Gedichtinterpretation vornehmen, sondern nur darauf hinweise, dass es bei „Maskenball“ wohl um das Verstecken oder Verlieren der Identität geht. Es geht um Sein und Schein. Um Abstandhalten, damit keiner hinter die Fassade, hinter die Maske schauen kann. Und es geht um die Wahrheit, das wahre Ich, das aber eben versteckt bleibt. Das Ganze wird kombiniert mit dem Motiv der Elster, oder auf der bildlichen Ebene mit der Elsterfrau. Auf den diebischen Charakter der Elster spielt dann auch der Titel des Bildes an: sticky fingers = Langfinger. Und wie ein ironischer Kommentar lesen wir neben der Eule im Hintergrunde: „Die Elster hat dein Bild verschenkt“. Wobei ‚Bild‘ in diesem Fall mit ‚Identität‘ gleichgesetzt werden kann.

Peter Kohl ist ein Maler-Poet, der mit Farbe, Formen und Wortelementen spielt, sie aus ihrem Kontext reißt, isoliert und zu neuen Gefügen und Gebilden zusammensetzt.

Die Vielschichtigkeit seiner Kunst liegt vor allem auch an dieser Einbindung von Schrift in den Bildern. Der Betrachter ist versucht, durch die Worte, die er auf der Leinwand liest den Sinn, die Botschaft der Bilder zu dechiffrieren. Oft bekommt das Gemalte einen zusätzlichen ironischen oder provokativen Gehalt durch das, was sich auf einer anderen Ebene des Bildes abspielt.

Eine intensive Betrachtung ist erforderlich, um die verschiedenen Ebenen zu durchdringen, und die vielen Elemente zusammenzusetzten. Jeder Betrachter wird seine eigenen Erfahrungen oder Assoziationen mit einbringen und so lassen sich die Bilder, die wie moderne Wandmalereien wirken, stetig weiter entwickeln. Peter Kohls Malerei ist eine Kunst, die sich in ihrer Vielschichtigkeit erst nach und nach erschließt. Ich lade Sie nun dazu ein, sich dieser Kunst im wahrsten Sinne des Wortes zu nähern und wünsche Ihnen viel Spaß.

© Miriam Stauder M.A., Kunsthistorikerin Alle Rechte vorbehalten. Jede weiter Verwendung oder Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Autorin.

 

Anthony DiPaola
it's not about words
neue arbeiten des new yorkers künstlers
Bonn
16.5 - 13.6.2015

text

Einführung und Text Susanne Kleine, Ausstellungsleiterin und Kuratorin der Bundeskunsthalle.
Mai 2015

Anthony DiPaolas Malerei ist gekennzeichnet durch eine klar konzipierte Formensprache und durch eine abstrakt, expressive Geste im Wechsel/in einer Einheit. Sie besticht durch eine Vielschichtigkeit, durch verschiedene Layer, und durch eine Tiefe, die sich in einer malerischen Dichte präsentiert. Sein Werk ist ebenso gekennzeichnet durch eine intensive, respektvolle Auseinandersetzungen mit verschiedenen künstlerischen Haltungen eines Marcel Duchamp, Bruce Nauman, Peter Halley oder einer Mary Heilmann sowie der Kenntnis verschiedener philosophischer Untersuchungen/Theorien, wie von Deleuze (Differenz und Wiederholung), Heidegger, Leibnitz oder Sloterdijk. Auch seine Reflektion über das ‚Selbst’ und über das ‚Andere’, über Authenzität oder Duplizität bilden einen theoretischen Hintergrund. Diese Dualität(en) finden sich in jedem seiner Werke, mit denen es ihm um „Aboutness“ (Bezugnahme/Über etwas) geht. Seine Werke haben immer mit dem Hinterfragen von Kunst selbst zu tun, von ihrem Auftrag und von ihrer Funktion. Welche Aufgabe hat Kunst und hier speziell die Malerei heute? Was kann sie leisten? Allen verschiedenen malerischen Strategien gemeinsam ist die Rolle des Aufmerksammachens, des genauen Hinsehen und wenn man mit diPaola spricht, merkt man sehr schnell, dass es ihm immer um die Mediation/Vermittlung und um die Kunst als Erfahrung geht. Um die Vermittlung zwischen dem Ereignis/der Realität, dem Kunstwerk/der Repräsentation/dem Stellvertreter und dem Betrachter – und umgekehrt. Und dieser Dialog, dieser Kreislauf, wie er es nennt, ist ebenso Basis all seiner Werke.

Betrachtet man zuerst das 6:30 min lange, Titel gebende Video der Ausstellung von 2013, in dem seine Tochter circa 100 Wörter wie Ausdruck, Homogenität, Bewerten oder Reinheit spricht, ahnt man (und sieht es teilweise an ihrer Mimik), dass sie nicht jede Bedeutung des ausgesprochenen Wortes kennt sondern um die Öffnung/Definition eines (neuen) (Bild-)Raumes – das ist auch schon der Schlüssel zu Anthony DiPaolas Werken: Es geht ihm eben nicht um die Worte, bzw. dass, was sie vermitteln, DiPaola möchte damit malerisch keine Geschichte erzählen, er nimmt die Wörter nur als Objekt, als ‚Ding’, als reine Form auf, und trägt sie oft auch groß auf, um das Objekthafte, um den skulpturalen Charakter und vor allem auch die Authenzität und auch Körperlichkeit zu unterstreichen. Die Worte oder malerischen Gesten sind oft so groß wie er selbst, d.h. die Form spiegelt 1:1 seine Ausführung/den Künstler.

Wortbilder wie Liar oder Sigh erinnern natürlich auch an Künstler wie Bruce Nauman, Basquiat, Richard Prince und vor allem an Christopher Wool, aber sie haben natürlich alle ein unterschiedliches, künstlerisches Anliegen. DiPaolas bildnerische Untersuchungen konzentrieren sich auf das Wechselverhältnis von bildhafter und sprachlicher Information und es fällt die Größe der Wortobjekte auf, sie drängen sich förmlich in den Vordergrund (man denkt an ein agressives Branding) und man beginnt sofort über die Bedeutung nachzudenken – wer ist der Lügner? Das Bild oder bin ich gemeint? Sigh – Seufzen oder Biegen? Und welche Position nehme ich ein?
Diese Bilder tragen immer auch die vorhin schon genannte Dualität/immer zwei Aspekte in sich. Sie sind Stellvertreter und Vermittler in einem. Sie sind formal schön und farblich verführerisch aber was ist dahinter? Welchen Raum definieren sie, was ist mit dem Lügner oder mit dump (Duchamp: „dump like a painter“), drunk (Pollock) und punk (Mary Heilman) gemeint? Und stimmt der Kinderreim: „sticks and stones will break your bones, but names will never hurt you“?

Sind diese Bilder letztendlich Hinweise auf die Tatsache, dass alles sprichwörtlich ‚zwei Seiten’ hat? Stehen sie für entgegen gesetzte und dennoch aufeinander bezogene Kräfte oder Prinzipien in allem, was DiPaolas philosophischen und malerischen Reflektionen entsprechen würde?

Liar bildet formal den Übergang zu Werken, wie Tangled in the Pleats, die einen weiteren Aspekt in seinem Werk kennzeichnen: das Hinterfragen des Horizontes, das Spiel mit dem Horizont, das sich ‚irgendwo dazwischen’ befinden. Man kann den Horizont nicht definieren, wird dadurch zu sehr genauem, aufmerksamen Sehen aufgefordert, da man gemäß Leibnitz ‚kein Anfang und kein Ende’ ausmachen kann. Was ist der Himmel, was ist die Erde? Welche Farbe wird welcher Stellvertreterfunktion zugeteilt? Und was ist Abstraktion und was Figuration und was ist real und was Fiktion? Auch diese vermeintlichen Grenzen werden beiläufig hinterfragt (und die Streifen erinnern malerisch, formal an andere zeitgenössische Künstler oder auch an ‚Barcodes’, die Inhalte/Geschichten hinter den Streifen verbergen ...)
Vor allem trifft auch hier (wie schon in Liar) eine konkrete, abstakte konzeptuelle Formensprache auf eine gestisch, expressive Malerei, trifft Ordnung auf Chaos.
Dieser Dualismus wird in den Werken Battleship, pink splash (Camouflagetechnik) oder Surface to Air noch deutlicher: wie ein Rohschachtest (Test um die Gesamtheit einer Persönlichkeit zu erfassen) verdeutlichen sie eine Spiegelung und/oder Doppelung, die durch eine Art ‚goldener Schnitt’ malerisch ausformuliert wird. Die Kompositionen beinhalten Grace and violence (Anmut und Gewalt) (wie im Battleship, was zudem noch eine malerisch, inhaltliche und gewissermaßen auch Material bezogene Auseinandersetzung mit Anselm Kiefer belegt) und besonders bei Surface to Air wird deutlich, wie viele Paare/Gegenüberstellungen (und damit Hinterfragungen) und auf wie vielen Ebenen/Layers DiPaola seine künstlerische Strategie formuliert: Auf der rechten Seite explodiert förmlich die weiße Farbe durch eine impulsive Geste, die an Pollocks Drip Paintings erinnert und auf der linken Seite scheinbar auch. Nur ist sie hier – sowohl die Farbe als auch die Geste – gespiegelt (der Kreis schließt sich!) und ganz akribisch fein und akkurat gemalt. Fast fotografisch suggeriert diese Seite eine Realität, die keine ist – und schon wieder bildet sich ein Dualismus, der zur Aufmerksamkeit anregt. Alle Bilder eint DiPaolas unbedingter Wille, mit seiner Kunst, der Malerei, eine vermittelnde Rolle einzunehmen und an ganzheitliches Denken und Erleben zu appellieren.
Aber jetzt genug der Worte, denn es geht ja nicht um sie, wie wir dem Titel der Ausstellung entnehmen können …

Susanne Kleine, 15.05.2015

 

Wolfgang Hambrecht
One-Artist-Show
Art Karlsruhe 2015
5.03.- 8.03.2015

text

DURCHSCHEINEND
Zit.: Prof. Dr. Stephan Berg (Kunstmuseum Bonn) aus dem Katalog: Wolfgang Hambrecht „Tales of Future Past“, 2015

In einem Interview mit Doris Krystof Anfang 2001 macht Wolfgang Hambrecht eine Bemerkung, die mir ins Zentrum seines ungewöhnlichen malerischen Schaffens zu führen scheint. Gefragt nach seiner malerischen Entwicklung verweist er zunächst auf die verschiedenen systematisierenden Anläufe, die er im Lauf der Jahre gemacht habe, um dann auszuführen: „Dabei hat allerdings immer wieder meine Praxis die Theorie widerlegt. Die Malerei habe ich immer wieder aufgebrochen und es kam zu einem Spiel der Formen, die ich teilweise bereits benutzt hatte und welche wieder etwas Neues ergaben“. So etwas kann nur einer sagen, der - gespeist durch ein profundes Wissen über die jüngere Malereigeschichte - die Gefahren einer vollkommen durchprogrammierten Malerei kennt, und daraus ein begründetes Misstrauen gegenüber Bildern entwickelt hat, die nur Gewusstes enthalten, sozusagen nur gemalte Theorie sind. Wolfgang Hambrecht dagegen geht es immer um ein malerisches Abenteuer, um Balanceakte. Sein Ziel ist es, das Bild soweit zu öffnen, dass es instabil, und in einem grundsätzlichen Sinn durchscheinend und durchlässig wird. Zum einen im Hinblick auf sich selbst, auf die eigene malerische Praxis, zum anderen aber auch im Hinblick auf das in dieser Malerei Gezeigte, das sich eigentlich immer nur so weit konkretisieren soll und darf, dass es zugleich auch seine eigene Hinterfragung beinhaltet. Dieser Balanceakt infiziert von vornherein jede malerische Aktion auf der Leinwand und führt zu Pinselbewegungen, die für sich genommen stets den Anspruch haben, sowohl Selbstausdruck, im Sinne autonomer reiner Malerei zu sein, wie auch Annäherungen an die Gegenstände und narrativen Displays, die auf diesen Bildern erscheinen. Es geht um die Suche nach malerischen Zeichen, die sich selbst bedeuten, und dabei doch auch immer auf etwas außerhalb ihrer selbst verweisen.

Das gilt in gewisser Weise bereits für das abstrakte malerische Werk Hambrechts, das zwischen 1989 und 2003 entstanden ist. Die malerischen Elemente, die der Künstler hier auf vorwiegend monochromen Grund platziert, haben selbst eine eigentümliche Doppellogik zwischen nicht ganz vollzogener Signifikanz und ebenfalls nicht vollständiger Indifferenz. In ihrer Zeichenhaftigkeit deuten sie eine Dechiffrierbarkeit an, die sie andererseits gar nicht einlösen wollen. Eine ähnliche Ambivalenz lässt sich in der gesamtkompositorischen Anlage beobachten. Die bildnerischen Situationen, die der Künstler mit seinen zwittrigen, malerischen Akteuren herstellt, argumentieren gerade nicht mit einer finalen Festigkeit und Endgültigkeit, sondern suchen bewusst eine Offenheit, die sie bisweilen an den Rand des Auseinanderfallens bringt. Die Bildspannung entsteht dabei genau daraus: Dass das Bild sich selbst als einen Kipp-Punkt zwischen nicht mehr möglicher endgültiger Fixierung und noch nicht stattfindender Auflösung situiert.

Wenn man vor diesem Hintergrund sagen würde, dass Hambrecht früher ein abstrakter Maler gewesen ist, der heute zur Gegenständlichkeit (mit der er übrigens in seiner Akademiezeit Mitte der 80er Jahre begonnen hatte) zurückgefunden hat, dann wäre das genau so falsch, wie wenn man behaupten würde, die gegenständlichen Motive, die er heute malt, seien eigentlich als Motive bedeutungslos, weil es ihm im Kern eigentlich immer nur um Abstraktion gehen würde. Es ist, wie immer bei Kunst, komplizierter, und zugleich einfacher. Hambrecht, der in Karlsruhe bei Per Kirkeby und in Düsseldorf bei Dieter Krieg studiert hat, ist ein Wanderer zwischen den Welten. In seinen Bildern entdeckt man in Spurenelementen die tektonische, geologische Abstraktion Kirkebys, aber auch die Liebe zum suggestiven Motiv, die Dieter Krieg und seine energetische Malerei kennzeichnet. Daraus ergeben sich malerische Konstellationen, in denen sich immer wieder die Gewichte verschieben können, die Bilder aber in jedem Fall darauf beharren, keine in sich geschlossene Eindeutigkeit herzustellen.
Kontingenz ist insofern ein wichtiges Stichwort für dieses Werk. Dass alles immer auch anders und etwas anderes sein kann, als das, was es gerade ist, dass jede Konstellation in sich vielfältige Verwandlungsmöglichkeiten birgt, ist der DNA dieser Malerei fest eingeschrieben. Etwas Liquides zeichnet diese Malerei aus, eine Verflüssigung, die aber nichts Vages, Unentschlossenes hat, sondern programmatisch eine Haltung zum Bild und zur Welt dokumentiert, die auf ein strukturelles Da-Zwischen zielt. Das betrifft nicht nur die Motive, sondern auch die Maltechnik Hambrechts, die aus einer elaborierten Kombination von zeichnerischen Elementen, dünnflüssiger Acryl- und punktueller Ölmalerei einen diaphanen, fast schwebenden Eindruck aufbaut. Dies sind keine Bilder in schweren Rüstungen, die ihre eigene Unverrückbarkeit betonen, sondern eher federleichte, durchaus auch atmosphärische Luftgeschöpfe. Souverän in der Behandlung der malerischen Mittel lassen sie zugleich das Prekäre, Fragile ihrer Existenz (und zugleich der des Dargestellten) durchscheinen. „Auf freiem Feld“ hat der Künstler seine kleine Publikation genannt, die anlässlich seiner Ausstellung im Stadtmuseum Beckum 2014 entstand. Dieser Titel könnte auch über dem gesamten Werk des Künstlers stehen, das seine Freiheit daraus gewinnt, dass es sich dem Freien und damit notwendiger Weise immer auch Gefährdeten aussetzt, ohne ein festes Fundament einziehen zu können oder zu wollen.

Vielleicht spielen ja auch deswegen Häuser oder allgemeiner Behausungen so eine große Rolle in dieser Malerei, weil der Schutz und die Sicherheit, die sie zu versprechen scheinen, genau die notwendige Fallhöhe formuliert, von der aus der Künstler seine subtilen Destabilisierungen vornimmt. Das Haus ist bei Hambrecht stets eine gefährdete und potenziell auch gefährliche Angelegenheit. Wohnwagen ( The Arsonist, 2012), schwimmende Häuser (Hausboot 2010, Floating Islands, 2009), eine Lagerhalle ( Institute of Porous Media, 2007 ), Waldhütten (Haus des Anarchisten, 2010), oder die zusammenbrechende Ruine eines denkmalgeschützten Hauses in Detroit (Adam and Eve, 2013) sind zentrale Schauplätze für Hambrechts fließende, mit Lücken, Unterbrechungen, Abklebungen und Reduktionen arbeitende Acryl- und Öl-Malerei, die stets auf der Basis von Fotos - selbstgemachten oder gefundenen - entsteht. Das Provisorische der Behausungen findet seine Verstärkung in einem Malduktus, der alles nur so weit ausführt, wie es nötig ist, Genauigkeit aus Unschärfe herstellt, und jeglicher Stabilität durch flüchtig wirkende, in Wahrheit aber sehr präzise Verwischungen den Boden entzieht.

 

Cornelia Konrads
außenraum und innendinge-
landartfotos und objekte
Bonn
24.01.- 26.02.2015

text

Einführung und Text Miriam Stauder M.A.
Januar 2015

„Das ist nichts für Mädchen“ - ein Satz, den Cornelia Konrads zu hören bekam, wenn sie als Kind damit beschäftigte war Dinge zu basteln - eine Tätigkeit, die sich angeblich nicht für ein Mädchen ziemte. Seitdem trotzt sie diesen stereotypen Ideen, indem sie sich weigert ‚männliche Kunst‘ oder ‚weibliche Kunst‘ als Kategorien zu akzeptieren. „Ich denke, dass ein Kunstwerk die Kraft hat, für sich selber zu sprechen, unabhängig von der Haut- oder Haarfarbe oder dem Geschlecht des Autors“ (zit. n. C. Konrads).
Ihren Ratschlag, den sie jungen Künstlerinnen mit auf den Lebensweg gibt, befolgt sie seitdem treu: „Folge deiner Leidenschaft, finde deinen Weg, bleibe neugierig, überrasche dich selber.“ Ihr Weg führte sie ursprünglich nach Essen und Bochum, wo sie Philosophie und Germanistik studierte. Anschließend folgte das Studium der Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim. Ihre erste Ausstellung im Außenraum im Jahre 1998 ermutigte sie dann, als Künstlerin selbstständig zu werden. Die Teilnahme an Skulptur- und LandartProjekten, zu denen sie meistens eingeladen wird, sowie Ausstellungen und Gaststipendien auf der ganzen Welt, machen aus ihr eine international agierende Künstlerin. Und so nimmt uns Cornelia Konrads mit auf eine Reise – eine Weltreise. Als reisende Künstlerin wandert sie über die Kontinente, immer auf der Suche nach dem geeigneten Ort, dem passenden Material, der inspirierenden Geschichte oder was sich sonst noch am Wegesrand finden lässt. Ihre standortbezogenen Installationen, ihre in-situ-Installationen, sind überall zu finden, ob in der Ferne, wie in Japan, Kanada, Südafrika und Australien oder in europäischen Ländern wie der Schweiz, Frankreich, Italien, Irland und natürlich Deutschland. Cornelia Konrads nimmt uns mit auf eine Reise – eine Reise, die in gewisser Weise selber Teil des Kunstwerkes ist. Denn, wie sie selbst in einem Interview sagte, kristallisiert sich das Werk erst im Laufe der Reise, während ihrer Suche, peu à peu heraus. Es nimmt Gestalt an durch das, was die Künstlerin sammelt, bis all das Gesammelte an einem Ort endlich zu einem Bild kondensiert. In ihrer Kunst verbindet Konrads ihre drei Leidenschaften: Kunst, Philosophie und das Reisen. In ihrem Gepäck hat sie sensible Poesie, feinsinnigen Humor und eine besondere Gabe mit dem vorgefundenen Ort, Material oder Ereignis umzugehen. Für sie stellt die Kunst ein Mittel dar, um wie die Philosophie, Fragen zu stellen, jedoch über die Grenzen der Sprache hinaus. Somit ermöglicht die Kunst eine größere Freiheit, die Cornelia Konrads für sich nutzt, um nicht nur Fragen zu stellen sondern vor allem auch infrage zu stellen.
Ihre Installationen befinden sich im Innen- wie auch im Außenraum – weswegen die Künstlerin selber lieber von site specific art als von Land-art spricht. Sie schreien nicht, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sie drängen sich nicht in den Vordergrund, um auf jeden Fall sofort entdeckt zu werden. Vielmehr stellen die Installationen einen leisen, subtilen Dialog mit dem jeweiligen Ort dar und passen sich ihm an, auf eine scheinbar ganz natürliche Art und Weise. Cornelia Konrads versteht den Ort als eine Struktur, der sich ihre Arbeit anpasst. Wobei jedoch immer auch ein Moment des Zweifels präsent ist.

Ihre Arbeiten sind wie ein Augenzwinkern. Und genau dieser Moment des Augenzwinkerns ist auch grundlegend für ihre Kunst. Nicht nur der feine Humor der ihren Werken immanent ist, auch der Moment des Stockens ist von Bedeutung. Plötzlich entdecken wir eine halb versunkene Riesen-Schale in einem Teich, plötzlich taucht vor uns ein halb im Gras versunkenes Haus auf, durch dessen Dach bereits ein Baum seinen Weg gefunden hat. Als ob man für einen kurzen Moment eine Halluzination hatte. Doch selbst nach dem nächsten Augenzwinkern ist die Schale immer noch dort im Wasser oder das Hausdach auf der Wiese. Es entsteht ein Moment der Irritation. Ein Überraschungseffekt, der unsere gewohnte Wahrnehmung über den Haufen wirft. Cornelia Konrads stellt in und mit ihren Werken immer wieder unsere Wirklichkeit infrage. Oder zumindest das, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen. Das, was für uns gewohnt ist und als selbstverständlich angesehen wird, verliert plötzlich seine Bedeutung und wird hinterfragt, indem beispielsweise die Gesetze der Physik, wie die Schwerkraft, unterlaufen und natürliche Größenverhältnisse aufgelöst werden. Uns wird der Boden unter den Füßen weg gezogen. Jedoch nicht schlagartig und brutal, sondern auf eine ganz stille Art und Weise, die uns in eine magische Welt entführt, in der Schneebälle und Baumstämme scheinbar anfangen zu tanzen, in der Steine scheinbar leicht wie Wolken zu schweben beginnen. Aber eben nur scheinbar. In ihrer Bewegung eingefroren, wie ein Film-Stil, hinterfragen die Installationen unsere Begrifflichkeiten von Bewegung und Zeit und stellen eine Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Zukunft dar. Bereits die Herangehensweise, der künstlerische Prozess selbst, beschäftigt sich mit dem Thema Zeit und Bewegung. Das Reisen, und damit das Suchen und Finden, die Inspirationsquelle von Cornelia Konrads, stellen eine Form von Bewegung dar, die gleichzeitig in das Werk selbst eingeschrieben ist. Ebenfalls damit verbunden ist auch der Aspekt des Zufalls. Der Zufall, wen oder was sie auf Ihrem Weg findet. Der Zufall, an welchen Ort sie der Weg führt. Zufälligkeiten und unbeabsichtigte Anordnungen sind stets werkimmanent. Schnee schmilzt, Holz verrottet mit der Zeit, die Witterung verändert die Oberfläche von Zement. Die Zeit wird somit als Gestaltungselement genutzt, das die Form oder das Aussehen des Werkes mit der Zeit verändert oder gar zerstört. Es geht um Werden und Vergehen und damit auch um ganz allgemeingültige elementare Gedanken der Menschheit. Was bleibt sind die Photographien, mit denen die Installationen dokumentiert, festgehalten und gleichsam in ihrer Bewegung des Verfallens-Prozesses festgefroren werden.
Die Materialien, mit denen die Künstlerin arbeitet, können natürlicher oder künstlicher Natur sein, wobei die Grenzen dazwischen fließend sind, wie sie selber feststellt. Immer wieder geht sie von bereits vorhandenen Strukturen aus, denen sie etwas hinzufügt. So entstand 2012 in der Schweiz das Dach des im Boden versinkenden Hauses von „tell’s Haus“ um einen realen Baum auf einer Wiese herum. So reißt die Wand eines bereits existierenden französischen Steinhauses in „la précarité du temps“ (2013) auf. Ganz surreal, wie eine Wunde, die in die Fassade gerissen wurde mutet diese Installation an. Doch die abgerundeten Kanten der Öffnung lassen nicht auf eine brutale Verletzung deuten. Stattdessen ist ein Fenster, das eine Kommunikation zwischen Innen und Außen darstellt, in diese Öffnung eingebettet und man fragt sich, was zuerst da war, das Fenster oder die künstliche oder vielmehr künstlerische Öffnung der Wand und in wie weit das Fenster selber Teil der Installation und damit des Kunstwerkes ist.

Cornelia Konrads benutzt aber auch vorgefundene Materialien, um dem Ort mit ihrer Installation etwas Neues hinzuzufügen. So entstand beispielsweise 2013 die Installation „walkaway“ im Rahmen der 2nd International Land Art Biennale in Plettenberg Bay/Südafrika aus Holz und Treibgut. Sie errichtet einen Bretterweg, der in den Himmel zu führen scheint, jedoch nach einigen Metern bereits aufsplittert und schlussendlich ins Nichts führt. Wie eine mahnende Ruine ragt die Silhouette am Strand in die Höhe und scheint den Betrachter an seine eigene Vergänglichkeit zu erinnern. Wie oft bei ihren Installationen, ist nicht sofort ersichtlich, dass es sich hier um Kunst handelt. Der unwissende, zufällige Betrachter kann in dieser Struktur einen verlassenen Strandweg sehen, der sich selber überlassen wurde. Andere Installationen sind eindeutiger in ihrer Künstlichkeit. So zum Beispiel „Schleudersitz“, der 2010 in Neustadt a. d. Donau entstand. Das Wortspiel im Titel zeigt bereits den Humor, den sich die Künstlerin stets bewahrt. Bis aufs äußerste gespannt ist eine überdimensional große Steinschleuder, die sich mächtig in die Höhe reckt. Doch statt eines Steines hat sie als Projektil eine Parkbank, die unter anderen Umständen zur Rast eingeladen hätte. In dieser neuen Situation kann den Betrachter jedoch ein Unbehagen und ein instinktiver Widerwille überfallen, sich dort niederzulassen. Die Spannung, die auf dem knallroten Gummi liegt, und die aus der einfachen Astgabel eine Waffe macht, überträgt sich automatisch auf den Betrachter und man wartet auf den Moment, in dem die scheinbar übermächtige Schwerkraft oder die unsichtbare Kraft, die die Bank trotz Spannung auf dem Boden festhält, nachlässt und das Wurfprojektil in den Himmel schießen lässt. Auch hier geht es um Bewegung. Die Bewegung, die zwar noch nicht zu sehen ist, die jedoch unmittelbar bevorsteht und bereits erahnt werden kann. Ganz deutlich eingefroren im Aufwärtsstreben ist die Bewegung in „settlement“, einer Installation, die 2010 als Auftragswerk im irischen Cahir entstand. Ausgangspunkt ist ein Hausfundament aus verputzen Ziegelsteinen, das nur aus dem Boden und einigen Mauerresten besteht. Die quadratischen Ziegel werden ab einer bestimmten Höhe sichtbar, verformen sich zu organischen, gerundeten Steinen, die nach oben zu schweben scheinen. Sie bilden auf jedem Mauerstück eine mehr oder weniger regelmäßige Pyramide. Im Gegensatz zu der massiv und einheitlich wirkenden Grundstruktur des Fundaments bilden sie eine federleichte Komponente, die jedem Gesetz der Schwerkraft wiederspricht und eine Bewegung nach oben andeuten. Cornelia Konrads arbeitet jedoch nicht nur an Installationen, sondern sie kreiert in ihrem Atelier bei Hannover auch sogenannte „Innendinge“, wie es im Ausstellungstitel so schön formuliert ist. Hierbei handelt es sich um Objekte, für die sie verschiedenste Materialien kombiniert – ob natürliche, wie Fruchtschalen, Federn und Fischschuppen oder künstliche, wie Plastik und Metall. Auch diese kleinen Kreaturen verdeutlichen einmal mehr ihre künstlerische Arbeit mit der Natur und ihren feinen Sinn für Humor. So erinnert das „Fürchtefrüchtchen“ von 2013 mit seinen spitzen Zähnen fast schon an ein Traumfresserchen und scheint aus einem Kinderbuch entsprungen und Gestalt angenommen zu haben. Gleichzeitig erinnert es jedoch auch an eine fleischfressende Pflanze, zumal das Objekt selber teilweise aus pflanzlichen Teilen besteht. Ohne Gliedmaßen, allein auf seinen schwarzen Schlund und die dornigen Zähne reduziert, scheint das „Fürchtefrüchtchen“ seinem Namen alle Ehre zu machen.

Cornelia Konrads entführt uns in eine poetische, fast kindliche Welt, in der die Schwerkraft außer Kraft gesetzt wird und Steinschleudern plötzlich riesengroß sein können. Eine Welt, die von fantastischen Schöpfungen und Geschöpfen belebt wird. Sie lädt uns ein, unsere Umwelt wieder neu und unverbraucht, vielleicht auch mit kindlichen, unvoreingenommenen Augen wahrzunehmen und vor allem Altbekanntes und teilweise auch Festgefahrenes mit einem Augenzwinkern immer wieder zu hinterfragen.

© Miriam Stauder M.A., Kunsthistorikerin Alle Rechte vorbehalten. Jede weiter Verwendung oder Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Autorin